Archive for Januar 2010

Treviso

24. Januar 2010

Die Ziegel stammen aus Treviso. Sie versuchen, diskret zu sein, aber sie sind etwas aufdringlich, vor allem im Sommer.  Es gelingt mir nicht, auf einen Stuhl auf meiner Terrasse zu sitzen und den Kopf in den Nacken zu legen, ohne den Schriftzug zu lesen. Ich war noch nie in Treviso, was mir aber vermutlich nicht geschadet hat, denn es soll sich von je her um eine undankbare Stadt gehandelt haben.
Obwohl sie 1164 von Barbarossa den Status einer reichsfreien Stadt erhielt, hat sie sich kurz danach von ihm ab und seinen Feinden zugewendet. Barbarossa musste seine Gemahlinnen danach anderswo umbringen und Treviso erlebte in der Folge seine Blütezeit. Der Herrschaftsbereich wurde ausgedehnt und die Stadt ausgebaut, hauptsächlich mit Ziegeln. Die trevisischen Dachdecker waren dermassen geschickt und schnell, dass die Maurer und Zimmerleute nicht mehr nachkamen. Ein Teil des neu erworbenen Herrschaftsgebietes von Treviso bestand in den nächsten 175 Jahren vor allem aus flachen Ziegeldächern, die gespreizt und giebellos auf dem eroberten Boden lagen. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen, weil  die neuen Untertanen sich bald beschwerten und nach Herren Umschau hielten, die Unterstand anbieten konnten. Treviso verlor nach und nach seinen Einfluss auf die Landschaft und musste sich 1339 in den Schutz von Venedig begeben, mit dem es seither einigermassen solidarisch untergeht.
1797 übernahmen die Österreicher die Macht in Treviso und gaben sie erst 1866 wieder zurück. Vorherige Anfragen waren jeweils mit dem Bescheid abschlägig beantwortet worden, man könne Ziegelfabriken nicht an ein Fürstentum zurückgeben und warte auf die Entstehung eines italienischen Nationalstaates.  Aber wie gesagt, ich war nie selber dort und man müsste das alles einmal nachprüfen.
Hingegen war ich in Teheran und in Berlin. Von allen drei Städten hat mir Teheran am besten gefallen. Der damalige Staatspräsident galt im Westen als liberal, bis ihm jemand ein Wörterbuch schenkte.  Heute ist alles komplizierter und undurchsichtiger. Der Nachfolger des Nachfolgers des damaligen Präsidenten bedroht den Staat, in dem ich momentan lebe, mit Vernichtung, und ich bin der einzige hier, der nach Berlin ausweichen könnte.

Das Gürtelrüss

16. Januar 2010

Das Gürtelrüss gehört zur sozialzoologisch schwer fassbaren Familie der Limbobilen und wirkt meistens abwesend bis apathisch. Es kann praktisch überall überleben, wo genügend Pausen gewährt werden und der Leistungsdruck nicht zu hoch ist. Für die Nahrungsaufnahme zieht es sich in verborgene Winkel zurück. Da seine Verdauung die Nahrung restlos absorbiert und verwertet (mit Ausnahme eines nach frischen Ledergurten riechenden Gases, welches es zwei Tage nach der Mahlzeit durch seinen kurzen Rüssel abgibt) und man somit auch nicht aufgrund von Kotfunden Rückschlüsse auf  seine Nahrung ziehen kann, ist bis heute nicht bekannt, wovon sich das Gürtelrüss ernährt.  Gürtelrüsse sind trotz ihrer zur Schau gestellten Teilnahmslosigkeit im Grunde sehr gesellige Tiere. Am liebsten spielen sie Domino oder einfache Versionen von Trivial Pursuit mit ungefähr gleichgrossen Tieren, die sie in den letzten Ferien kennengelernt haben.  Wenn ein Gürtelrüss ein Spiel gewinnt, kann es ohne weiteres  die ganze Nacht durchtanzen und den unterlegenen Spielgefährten am nächste Morgen geduldig und hingebungsvoll das Fell lecken. Forscher haben daraus den Schluss gezogen, dass die oberflächliche Apathie dem Gürtelrüss lediglich zur Tarnung dient, um auf uninteressante Zeitgenossen langweilig zu wirken und sie zum Weitergehen  zu veranlassen.

(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1975)

An nasskalten Tagen kann man vierzig Jahre weit riechen

15. Januar 2010

Die Sonne scheint. Der ganze Sportplatz vor der Schule ist mit verschiedenen Posten bestückt, an denen sportliche Leistungen gemessen werden. An jedem Posten steht eine Gruppe aufgeregter Kinder. Fünfzig-Meter-Lauf, Kugelstossen, Weitsprung, Hochsprung, Erinnerung, Stangenklettern.
Meine Gruppe ist beim Weitwurf. Rolf, der vor mir zum Werfen kommt, nimmt einen so langen Anlauf, dass er seine ganze Kraft beim Abwurf schon verpufft hat. Der Geruch von nassen Kleidern in der Strassenbahn.
Der Lehrer schreitet am Rand der Wiese die Markierungen ab. „23 Meter!“, ruft er. Johann, der wegen seinem vertretenen Fuss ausgerechnet heute nicht turnen kann, sitzt beim Abwurf und notiert die Weite für Rolf in ein Heft.
23 Meter. Dann bin ich an der Reihe. „Sie können jetzt Platz nehmen“, sagt die Assistentin, „Dr. Heinemann ist gleich bei Ihnen.“  Ich nehme weniger Anlauf. Schweiss und nasse Kleider. Und kalt von den Füssen her. Ich konzentriere mich voll auf den Abwurf und denke dabei an nichts anderes als an mein grosses Ziel: Mit dem kleinen Lederball das Panoramafenster der Schulzahnklinik am anderen Ende der Wiese einwerfen.

Es ist ein kalter Tag. Die Sonne scheint. Ich drücke den Ball in meiner Hand zusammen. Ich mache ihn noch kleiner und schwerer als er schon ist. So muss es möglich sein. Nur das Klingeln stört ein wenig.
Mein Handy. Ich habe es im Mantelsack gelassen und der Mantel hängt draussen an der Garderobe. Dr. Heinemann scheint das Klingeln nicht zu hören. Ich kann jetzt nicht sprechen. Mein Mund ist von Watterollen aufgesperrt. Die Assistentin ist entweder taub oder völlig desinteressiert. Sie kann jemand anderen heiraten. Ich bin in Franziska verliebt. Aber sie weiss es nicht.
Ich blinzle in die Sonne und stelle mir die Flugbahn des Balles vor. Ein kalter Tag und es regnet und ich habe den Schirm vergessen. Wenn ich mich voll konzentriere, mich ganz in diesen Wurf gebe, mein Herz, meine Kraft, meine Träume, meine Wut  – dann wird das grosse Fenster in Brüche gehen. Da bin ich mir ganz sicher.
Klingelt mein Name? Unmöglich, dass ich das während dem Bohren höre. Ich spüre ja nichts. Lächerlich. Die Spritze in den Rachen hat mich gefühllos gemacht. Nur die Füsse sind kalt. Und dann höre ich doch etwas.
„64 Meter!“ ruft der Lehrer, „64 Meter – unglaublich!“
Unmöglich, es regnet ja. Und wer bezahlt das jetzt? Meine Eltern? „Sie können jetzt spülen“. Klingelt mein Handy? Die Kinder strömen alle zusammen. Die ganze Schule versammelt sich auf der Wiese vor dem in Brüche gegangenen Panoramafenster im ersten Stock der Schulzahnklinik. „Können sie mich hören?“
Meine Klassenkameraden haben mich auf ihre Schultern gehoben und tragen mich johlend über die Wiese. Läuft mir da Speichel aus der Mundecke? Jemand gibt mir einen Klaps auf die Backe. Da spüre ich doch nichts, Johann. Er hält mir etwas unter die Nase. Quer über das Weitenheft hat er mit grossen Buchstaben WELTREKORD! geschrieben, und darunter: Scheibe kabutt!
Er schwenkt das Heft unter meinen Augen und ruft mir etwas zu. Sein Atem riecht nach Äther. Ich muss ihm das einmal sagen.
„Sie können jetzt spülen!“ sagt der Lehrer. Ich schaue ihn an in seinem weissen Kittel. Das habe ich befürchtet. Er hat es meinen Eltern gesagt. Weltrekord. Unglaublich.
Das ist wirklich mein Handy. Ich muss rausgehen und es holen, bevor es aufhört zu regnen. Den Mantel auch gleich.
„Spülen, bitte.“ Der Mann im weissen Kittel zeigt mit seiner Hand auf das Glas neben mir mit dem rosagefärbten Wasser. Noch eine Hand, die wie meine aussieht, kommt in mein Gesichtsfeld und greift nach dem Glas. Keine Ahnung, wo die herkommt. Ich nehme einen Schluck Regenwasser und lasse es im Mund zirkulieren. Ist er geschlossen, mein Mund? Können Sie bitte nachschauen, Herr Doktor? Ich mag es nicht, wenn mir in Anwesenheit der Assistentin Speichel aus dem Mund läuft. Obwohl sie es gar nicht mitkriegen würde. Sie ist auf eine Scherbe gestanden und mit ihrem Schuh beschäftigt.

„Das ist Schulhausrekord“, ruft Rolf, „Das hat überhaupt noch nie jemand geschafft“. Ich lasse das Wasser aus meinem Mund in das Spülbecken fliessen – es rinnt über meinen gefühllosen Unterkiefer und dreht sich in einem rostroten Strudel in den Ausfluss. Es regnet. Ich darf meinen Schirm nicht vergessen.
„Ist alles in Ordnung?“,  fragt Dr. Heinemann. „Fühlen sie sich gut? Sie sind ein bisschen blass geworden.“
Er trägt einen Mundschutz und durchsichtige Handschuhe. Eigentlich seltsam, für eine Lehrer. Ich nicke trotzdem. Es geht mir prächtig. Ich spür überhaupt nichts. Hinter ihm am Boden liegt der kleine Lederball zwischen den Scherben. Draussen regnet es. Man hört Kindergeschrei. Es muss eine Schule in der Nähe sein.

Die Assistentin lehnt sich über mich und stellt die Stuhllehne gerade. Ich schaue ihr kurz in die Augen und bin mir nicht sicher, ob sie ahnt, dass ich mich in sie verliebt habe. Ich wische mir mit einem Papiertaschentuch den Mund ab. Wassertropfen gehen an der grossen Fensterfront nieder, vereinigen sich zu kleinen Rinnsalen, werden schneller.
Unten auf der Wiese steht ein Lehrer und rollt das Messband ein. Ich kenne ihn. Ich kenne ihn von irgendwoher. Nur etwas älter ist er geworden. Er streicht sich eine nasse Strähne grauen Haars aus der Stirne. Müsste eigentlich schon lange in Pension sein. Hat er jetzt hochgeblickt? Sobald es aufhört zu regnen, werde ich ihn zurückrufen.

EDA-Medienseminar

10. Januar 2010

Die Phlunx

9. Januar 2010

Die Phlunx stammt mit grosser Wahrscheinlichkeit aus Ägypten, wo sie Jahrhunderte damit verbrachte, Pyramiden und Pharaoen zu bestaunen, bis die  zuvor schon durch permanente Nichtbeachtung stark reduzierten Restbestände der sehr sensiblen Spezie im dritten Jahrhundert nach Christus  innerhalb weniger Wochen dahingerafft wurden – vermutlich von einer Allergie gegen die Dämpfe der Balsamierungsöle. Phlunx (seit dem Aussterben in der Einzahl und der Mehrzahl gleich geschrieben) sind insofern ein äusserst rares zoologisches Phänomen, als nur Weibchen nachgewiesen werden können. Die Phlunxforschung steckt noch in den Kinderschuhen, es wird aber vermutet, dass es ursprünglich auch männliche Phlunx gegeben haben muss. Diese hätten wegen ihres stärker ausgebildeten Egos die ihnen entgegengebrachte Nichtbeachtung schlechter ertragen als die Weibchen, ihr Staunorgan sei deshalb rasch verkümmert und sie seien ohne Bestätigung durch ihre Umwelt jeweils kurz nach der Geburt weggestorben.

(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1974)

Anstelle eines Schlafliedes

8. Januar 2010

(von Janet McCann aus: „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Ich lasse Schlaf
aus seinem Verschlag.
Er rennt über den Hof
klettert am Baum hoch
der Dein Fenster verdunkelt
klammert sich an der Unterseite
des dicksten Astes fest.

Ich rufe und rufe
er gräbt seine Nägel ein
und übernimmt den Baum.
Sein blauer Schatten wächst
den Stamm hoch. Meine Stimme
wird schwächer.

Das Heul

8. Januar 2010

Das Heul wird bisher erst vermutet, hauptsächlich aufgrund verschiedener, keiner bekannten Gattung zuordnungsbaren Funde von  versteinerten Tränen aus dem frühen Meso-Tristikum (3500-1800 vor Trost). Schon einige Male glaubten Forscher, das Heul anhand von Knochenfunden eindeutig bestimmen und seine Existenz endlich wissenschaftlich nachweisen zu können. Zuletzt weckte der australische Tristologe Bernard Loggins im Jahr 2007 Hoffnungen in der Forschergemeinde, als er behauptete, mit dem Heul direkt verwandte lebende Abkommen dieses sagenumwobenen Weinlings entdeckt zu haben. Leider stellte sich rasch heraus, dass es sich um gewöhnliche, wahrscheinlich durch Touristen aus Neuseeland eingeführte Schluchzer handelte, die in den Vororten von Sydney die Abfalleimer nach  Kitschromanen durchwühlten.

Rückwärts gleitend

8. Januar 2010

(von Janet McCann aus: „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Das Ganze hat etwas
Trauriges an sich, das sich wiederholt.
Wie der geschiedene Vater:
Holt jeden Sonntagmorgen
seine Tochter ab und bringt sie
um fünf Uhr zurück.

Den ganzen Nachmittag verbringen sie
im Park. Der Ententeich, die Strassen der Stadt.
Er gibt sich Mühe, die Blondinen
und das Büro zu verdrängen
und es gelingt ihm nicht.  Und sie,
ihm gegenüber sitzend in der Eisbude,
die um vier Uhr schon fast ausgestorben ist,
denkt an den Winter, den sie noch
zusammen verbrachten,
als er ihr Schlittschuhe schenkte,
wie sich die Kälte in ihrer Brust verfing,
wie ihr Xylophon klang, und wie die dünnen grauen
Spuren auf dem Eis
rückwärts gleitend zeigten wo sie war.

Filmsequenz

7. Januar 2010

Ein von einem alten Mann
vom Boden aufgehobener und am
Ärmel einer abgenutzten Jacke
glänzig geriebener Apfel…

Es ist Winter der Film alles andere
als rührend und der Schauspieler vermutlich
längst gestorben und trotzdem
kann ich schon wieder nicht verhindern
dass mir eine Träne in den Abspann
tropft

wahrscheinlich bin ich
ohne es zu merken
alt und vergänglich geworden

Ein Gedicht mit vierzehn Jahren Verspätung

4. Januar 2010

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, in welchem Zusammenhang ich Janet McCann kennengelernt habe. Es muss etwas mit einer Lesereise von Corinne Desarzens im Südosten der USA zu tun gehabt haben, Mitte der Neunzigerjahre, denn das Gedicht von Janet, das ich vor vielen Jahren übersetzt habe und das heute (warum heute?) völlig unerwartet aus den Tiefen des Speichers meines Computers aufgetaucht ist wie ein Pottwal, ist auf einem Brief abgespeichert, der an Corinnes Adresse in der Schweiz  adressiert ist. Ich weiss nicht einmal mehr, ob ich den Brief je ausgedruckt und abgesandt habe. Sollte ich es tatsächlich unterlassen haben, so tut es mir leid, Corinne.
Ich erinnere mich an ein Haus mit einem verwilderten Garten, vielleicht  in North Carolina, an ein paar Katzen, die da waren oder auch nur in meiner Erinnerung herumstreunen, und an eine ältere, sehr sympathische Frau, voll menschlicher Wärme und mit einem Sinn für Vergänglichkeit , der die Hitze des Nachmittags erträglich machte. Ich könnte sie weder malen noch beschreiben, aber ich weiss noch ganz genau, wer sie war.
Corinne muss sie entweder schon gekannt oder an der gemeinsam besuchten Konferenz kennengelernt haben.  Wir tranken etwas Kühles, von Janet selbst  Gepresstes, und sprachen über die verschiedensten Dinge, aber eigentlich immer über Gedichte.
Beim Abschied schenkte mir Janet  ein Exemplar ihres Gedichtbandes „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“.
Corinne und ich waren so begeistert von Janets Gedichten, dass wir  beschlossen, sie auf Französisch und Deutsch zu übersetzen und zu versuchen, sie in einer zweisprachigen Edition zu publizieren.
Ich habe später  tatsächlich ein halbes Dutzend der Gedichte auf Deutsch übersetzt, und ich nehme an, Corinne hat dasselbe auf Französisch getan, oder zumindest den guten Vorsatz lange Zeit wie eine kostbares Amulett auf sich getragen.
Das Vorhaben allein war etwas Wertvolles, und wir wissen alle, wie es mit solchen Plänen geht. Auch Janet wusste es, und ist, wie ich sie in Erinnerung habe, sicher nicht allzu sehr enttäuscht, dass alles, was aus der schönen Idee geworden ist, ein einziges Gedicht von ihr ist, das mit vierzehn Jahren Verspätung auf einem Blog auftaucht.

Dialog mit dem Hundefänger

von Janet McCann („Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Ich sage: Sohn
lass uns diese Zwei besprechen
wenn Du in der dritten Klasse Zweier kassierst
kannst Du die Uni vergessen.

Er sagt: iss schon in Ordnung, Ma.
Ich werde nicht an die Uni gehen
ich werde Hundefänger.

Ich schaue ihn an und will
schon sauer werden
aber es ist ihm ernst.

Um Hundefänger zu werden, sagt er,
muss man nicht an die Uni
Grundschule reicht
aber eigentlich möchte ich
gleich anfangen.

Keiner will der Hundefänger sein
sage ich – es ist ein
scheusslicher Job.
Du jagst Hunde
und sperrst sie ein
und wenn keiner sie abholt
schleppst Du sie in den Hof
und knallst sie ab

Ich nicht, sagt er,
ich werde die Hunde
die ich erschiessen müsste
nachhause nehmen
in dieses alte Haus
draussen auf dem Land
das ich für mich und die Hunde
kaufen werde

Genau deshalb werde ich
der Hundefänger sein.

Das kannst Du nicht machen, sage ich
auch wenn es dagegen kein Gesetz gibt
Du wirst kranke und verletzte Hunde fangen
die Du töten musst.

Ich werde sie heilen, sagt er
Um das zu tun, sage ich
musst Du Tierarzt sein.
Um Tierarzt zu werden
brauchst Du Sechser.

Es werden Hunde sein, sagt er
um die sich keiner kümmert.
Sie werden nicht wissen
ob der, der sie heilt
Tierarzt ist oder nicht.

Also ist ja egal, sage ich
es geht einfach nicht, dass Du
Zweier nachhause trägst.
und wir verbringen die nächste
halbe Stunde mit Multiplikationen.
Ich stelle fest, dass ich 6 x 12
nicht mehr zusammenkriege
und er geht zu Bett

In dieser Nacht träume ich
dass er mit einem alten
blauen Lieferwagen neben mir anhält.
Sein Ausweis ist über dem
Innenspiegel befestigt
in einem goldenen Rähmchen
mit amtlichem Stempel: das H
steht für Hundefänger

Er ist vielleicht 40
trägt eine schluddrige Jacke
die Ellbogen durchgescheuert.
Ein paar Kilos zuviel aber immer noch
dasselbe Lächeln.
Der Vordersitz übersät  von
Bierdosen & Milkyways.
Was ist mit Deinem Sonntagsanzug passiert
sage ich

Er fährt mich zu sich nachhause
in eine Plantagenruine
am Mississippi.
Zuerst sehe ich das Dach
durch das Laubwerk
dann das ganze Haus.

Es ist ein gewaltiger Trümmerhaufen
von Goldruten eingenommen
die Hälfte der Wände fehlt
hunderte von Zimmern an der frischen Luft
und die ausgekehlten Säulen abgebrochen
Wendeltreppen führen hinauf
ins Nichts

und all diese Hunde!
Baster und Windhunde
Dackel und Dobermänner
Bassets und Schäferhunde
Retriever und dort noch ein Halbwolf
der in den Kletterpflanzen
herumstöbert

Hunde in allen Zimmern
auf den Treppen
und rund ums Haus

Mein Gott, sage ich

Sie schauen alle zu ihm hoch
und tausend Schwänze wedeln.

Hier sind alle Hunde, sagt er
die keiner will.
Aber ich muss mich ranhalten.
Alle paar Minuten
wird jemand einen los
setzt ihn am Strassenrand aus
oder wirft ihn dem Nachbarn
über den Zaun.

Es ist kein einfacher Job
der Hundefänger zu sein.

Die Morgendämmerung weckt mich
in ein kleines Zimmer
Schulbuch im Staub