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Zur Frage der verbleibenden Lebensdauer

1. Juli 2011

Am Ende der Chromosomen befinden sich die Telomere. Sie baumeln da so rum und lassen ab und zu etwas fallen, was den Urwaldboden düngt. Sie sind aber auch, wie uns die Biologen lehren, ein untrüglicher Indikator für den Alterungsprozess des Individuums. Je kürzer die Telomere, desto kürzer die verbleibende Lebenszeit der Zelle.

Ich liebe diese je-desto-Sätze. Sie sind so wunderbar folgerichtig. Je – desto. Je kürzer der Frieden, desto länger der Prozess. Je länger der Streit, desto kürzer die Versöhnung. Je billiger der Hüttenkäse, desto vielseitiger die Diät.
Wenn sich die Telomere beschleunigt verkürzen, dann sei dies ein Hinweis auf beschleunigtes Altern. Wenn – dann. Das ist auch nicht schlecht. Würde dann heissen, dass der Vorhang früher fällt.

Zum voraussichtlichen Preis von 200 Dollar (das sind umgerechnet rund 200 Dollar) wird man bald beim Arzt in Form eines einfachen Bluttests einen Alters-Test machen können. Die Nachfrage wird voraussichtlich immens sein. Freiwillige Testpersonen hätten die an der Entwicklung des Produktes beteiligte Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn überrannt und seien nun ungebremst unterwegs nach Neumexico.
Die Leute verstünden den Test als Mass dafür, wie weit die Kerze des Lebens schon abgebrannt sei, liess sich Frau Blackburn zitieren. Das Leben als Kerze. Hoffentlich tropft nichts auf den Mahagonitisch. 

Und warum nur beim Arzt? Da werden die Apotheker noch ein Wörtchen mitreden wollen, stell ich mir vor. Ein einfacher Bluttest? Das kriegen die locker hin. In abgelegenen Gebieten könnte wohl auch ein pensionierter Geometer die Telomere vermessen. Sagen wir noch 15 Jahre. Eine grobe Schätzung. Das macht dann 100 Franken bitte. Und Vorsicht beim Rausgehen, die Türen sind niedrig in diesen alten Häusern.

Es gibt aber auch diejenigen, denen es egal ist, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Hauptsache was auch immer. Sie möchten es lieber gar nicht wissen. Oder es gibt die über die halbe westliche Hemisphäre (das wäre dann immerhin ein Viertel der Welt) verteilten lokalen Ableger der Erfahrungsgruppe „Lamento mori“, wo man sich unter Gleichverwirrten über die Endlichkeit des Lebens beklagen kann. Ich heisse Ralf und werde irgendwann sterben. Hallo Ralf.

Im Übrigen geht es ganzen Volksparteien so. Nicht einmal die Kommunistische Partei Chinas weiss, ob sie das Jahr 2021 noch erleben und dannzumal ihren 100. Geburtstag feiern wird. Ich vermute hier kühn, sie wird es erleben und ausgelassen feiern, ohne noch genau zu wissen, was. Es wird ein wenig wie jeweils an Sylvester sein: Hauptsache, die Karpfen knüllen!  

Womöglich wird die Erkenntnis der Funktion der Telomere helfen, den Graben zwischen reich und arm langsam zuzuschütten. Die Reichen werden länger reich sein können (Guten Tag, ich hätte gerne ein Set sehr langsam kürzer werdender Telomere. Wie bitte? Nein danke, sie müssen sie nicht einpacken, ich werde sie gleich anhängen) und die Armen kürzer arm bleiben müssen, ihre Telomere schon in der Pubertät ausgefranst und brüchig.

Ach ja, neben der genetischen Veranlagung spielt natürlich auch der persönliche Lebensstil eine gewisse Rolle. Überrascht uns ja nicht wirklich. Rauchen, Übergewicht (vor allem beim Fliegen) und Stress verkürzen die Telomere. Sport scheint deren Kürzerwerden zu verlangsamen. Fernsehen hingegen interessiert sie überhaupt nicht. Es sei in Labortests kein einziges Mal ein Streit um die Fernbedienung entstanden.

Sympathische Menschen, falsche Erinnerungen

1. Juli 2011

Neurobiologen des Weizmann Instituts haben neue Zusammenhänge zwischen unserer sozialen Vernetzung und dem Entstehen falscher Erinnerungen nachgewiesen. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass es im Hirn womöglich eine Art Pförtnerin gibt. Sie heisst Amygdala, ist ein völlig unzulängliches Abbild einer indischen Göttin, jedoch immer noch dermassen schön, dass man nicht an ihr vorbei kommt, ohne ihr alles zu erzählen, wonach sie nicht fragt. Von Amygdala ist seit längerem bekannt, dass sie das emotionale Zentrum des Gehirns ist.

 

Die neue Studie des Weizmann Instituts legt nun den Schluss nahe, dass sie – sozusagen im Nebenamt – auch für den Entscheid verantwortlich sein könnte, ob gewisse Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden oder nicht. Die durchgeführten Experimente lassen insbesondere vermuten, dass Amygdala durch ihr emotionales Gütesiegel veranlassen kann (und dies auch tut), dass unter Umständen korrekte Daten im Langzeitgedächtnis durch falsche ersetzt werden. Dies geschähe dann, so das Forschungsergebnis, wenn durch soziale Vernetzung, also aus emotionalen Gründen, das (falsche) Urteil anderer zu einer spezifischen Frage nachträglich übernommen und das ursprünglich eigene (richtige) im Langzeitgedächtnis überschrieben wird.

 

Natürlich müsste man nun gleich fragen, wie man denn bitte richtig und falsch definiert, und dann wäre man vermutlich geliefert und müsste eine Existenz als Privatgelehrter beantragen. Aber eigentlich ist diese prinzipiell wichtige Frage für einmal unwesentlich. Wesentlich ist die Erkenntnis, wenn wir es denn eine sein lassen, dass unser Gedächtnis, in dem wir unsere Sichtweise auf die Welt und unser Leben darin speichern, von unseren Gefühlen, von unseren emotionalen Bindungen nicht nur geprägt sondern manipuliert wird.

 

Das ist nichts grundsätzlich Neues. Wir machen alle ab und zu die Erfahrung, dass wir überhaupt erst geneigt sind, hinzuhören, wenn jemand spricht, der uns einigermassen sympathisch ist, während wir uns den messerscharfen Argumenten einer Person verschliessen, die wir aus irgendeinem Grund nicht mögen. Das Problem dabei ist, dass das Richtige nicht immer sympathisch daherkommt und das Falsche nicht immer abstossend wirkt. Der Träger der Botschaft kann gut sein, die Botschaft falsch. Freunde können irren, Feinde Recht behalten.

Wir sollten mit Amygdala sprechen. Dringend. Jetzt, wo wir wissen, wie es wahrscheinlich funktioniert mit dem Gedächtnis, kann es nicht einfach so weitergehen. Hör mal, meine Liebe, bevor ich vergesse: das geht so nicht. Du kannst nicht einfach so an meinem Gedächtnis rumschrauben. Das sind meine Erinnerungen. Verstehst Du, was ich meine? Hörst Du mir überhaupt zu? Oder magst Du mich am Ende nicht?

Gerafftes Zeitungslesen

24. Juni 2011

Die Nachrichten zunächst verwirrend und anscheinend ohne Zusammenhang, aber wenigstens alles an seinem Platz. Alles in der richtigen Rubrik. Das beruhigt.  Unglücksfälle und Versprechen. Neues aus dem Urwald. Internationalles.

Die Gefühle irgendwo im präfrontalen Kortex verortet, im vorderen Teil der Hirnrinde, wo sie auch hingehören. Es bleibt jedoch weiterhin unklar, trotz modernsten Messmethoden, ob und wie weit sie am Ursprung der Moral stehen. Ein Proband stösst David Hume vor einen wie zufällig vorbeifahrenden Zug. So geht es nicht, meine Herren. Ich bitte sie. Der war doch schon tot. Jetzt lassen alle bitte mal alles stehen und kommen her zu mir. Lasst uns vernünftig sein. Also wirklich. Auch Immanuel Kant hatte ab und zu Kopfweh. Vernunftbedingt. Deswegen macht man doch noch keine transkranielle Magnetsimulation. Können wir jetzt weitermachen?

Die Aufgabenstellung ist folgende: Es hat sich eine Annahme verbreitet. Wir müssen sie irgendwie wieder einkriegen. Moralische Urteile seien eine Leistung unseres rationalen Denkens. Und jetzt gehen sie langsam und ohne Beweise umzustossen wieder an ihre Laborplätze und beantworten folgende Fragen. Sie haben dafür genau. Und falls Sie früher fertig sein sollten, stauben Sie ihr Dilemma ab, versehen es mit ihrem Namen und legen es in die Schublade. Dann können Sie in die Pause gehen. Los geht’s.

Im Amazonasgebiet ist ein neuer Stamm einer Urbevölkerung entdeckt worden. Drei langgezogene Hütten auf einer schmalen Lichtung, rundherum Urwald, bisher erst aus der Luft beobachtet. Und das wird auch so bleiben. Die Strategie der Regierung ist in solchen Fällen, keinen Kontakt aufzunehmen, damit diese niedlichen Wesen so weiterleben können, wie bisher. Absolut lobenswert, wenn man daran denkt, wie man früher etwas weiter nördlich mit den Indianern umgesprungen ist, aber nicht einfach durchzuhalten wenn der Wald einmal schrumpft. Und was, wenn die UNS bemerken und alkoholfreies Bier wollen? Und irgendwie ja auch schade, weil so womöglich für immer unbeantwortet bleiben wird, wie dieser neu entdeckte Stamm mit der Frage umgeht, was am Ursprung der Moral steht: Gefühl oder Vernunft? Vielleicht haben die ja gar keine Fragen in ihrer Sprache. Faszinierend, nichtwahr.

Wie bitte? Um Himmels Willen: Nein! Hier wird keiner mehr vor den Zug gestossen. Dilemma hin oder her. Wir sind hier nicht an der University of Iowa. Haben Sie mir eigentlich zugehört? Der Urwald soll unberührt bleiben. Oder sehen Sie irgendwo Chinesen? Und überhaupt ist die Zeit abgelaufen. Sie können nachhause gehen. Nächstes Mal sprechen wir über Mitgefühl, Scham und Schuld. Und vergessen Sie bitte nicht, zuhause ein moralisches Urteil zu fällen und es in die nächste Stunde mitzubringen. Wenn Sie es in ein feuchtes Handtuch einwickeln, bleibt es problemlos zwei Tage unanfechtbar.

Josefinas Leben

12. April 2011

Josefina, eine portugiesische Freundin, deren menschliche Wärme und Humor ich sehr schätze, hat neulich an einem Mittagessen eine wunderschöne Geschichte erzählt. Sie hat sie nicht erfunden. Sie hat sie genau so erlebt.  

Ihr steht seit dem Tod ihres Vaters eine kleine Rente zu. Obwohl es sich um einen äusserst kleinen, symbolischen Betrag handelt, verlangt der portugiesische Staat von ihr, um Rentenbetrug vorzubeugen, dass sie jedes Jahr persönlich auf der portugiesischen Gemeinde  vorspricht, um zu beweisen, dass sie noch lebt.

Da Josefina im Ausland lebt und auch angesichts des unwesentlichen Betrags der Rente, geht sie nicht jedes Jahr auf der Gemeinde vorbei. Nur alle paar Jahre, wenn sie in Portugal auf Heimaturlaub ist und es ihr gerade in den Sinn kommt, geht sie auf der Gemeinde vorbei. Letztes Jahr war wieder einmal so ein Jahr.

Sie ging also auf die Gemeinde und sprach beim Beamten vor, der für die symbolische Rente zuständig ist.

„Guten Tag. Mein Name ist Josefina. Ich bin hier, um zu beweisen, dass ich noch lebe.“

Der Beamte musterte sie ernsthaft, machte ein Häkchen hinter eine Zeile und erwiderte:

„Gut. Und was ist mit letztem Jahr?“

Ich habe mich oft gefragt, wer all die wunderbaren Witze und lustigen Geschichten erfindet. Nicht die einfachen und primitiven Witze (obwohl ich über die, ich muss es leider hier zugeben, oft auch und manchmal besonders laut lachen kann), sondern die wunderbaren Geschichten und Witze, die nicht nur lustig sind, sondern manchmal auch ein wenig tragisch oder zumindest melancholisch, und oft tief philosophisch. 

Nachdem ich Josefinas Geschichte zuhören durfte, weiss ich, dass es keine erfundenen Witze und keine symbolisch kleinen Beträge gibt, jedenfalls keine überflüssigen. Es ist mir ausserdem klar geworden, dass Beamte und ihre Reglementarien nicht nur dazu gut sind, uns zu ärgern, sondern dass sie uns die Gelegenheit geben, uns zu fragen, ob wir tatsächlich leben, oder ob lediglich wieder ein paar Jahre vergangen sind.

Professor Strangelove, I assume?

16. März 2011

Ich wusste bis heute nicht, dass es an der ETH Zürich einen Lehrstuhl für Risikowahrnehmung gibt. Risiken finde ich hoch interessant, und Wahrnehmung beschäftigt mich als Thema, seit ich mir bewusst zu machen versuche, wie entscheidend es für mein Lebensgefühl ist, wie ich meine Umgebung wahrnehme.

Wir haben keine Welt. Wir haben nur unsere individuelle Wahrnehmung davon. Wir haben genau genommen nicht einmal uns selbst, nur eine Wahrnehmung von uns, abgesehen vielleicht von den raren Glücksmomenten, in denen wir uns nicht mehr spüren. So gesehen bleibt von uns und der Welt am Ende ausser der Wahrnehmung rein gar nichts übrig, von “The World according to Garp” nur „according to“.

Die Idee der NZZ, im Zusammenhang mit der sich entfaltenden Nuklear-Katastrophe in Japan einen Professor für Risikowahrnehmung zu befragen, leuchtet ein. Beim Lesen der Antworten von Professor Siegrist wird es dann allerdings rasch dunkel.

Wenn Professor Siegrist eingangs festhält, dass niemand ein vollständiges Bild der Lage in Japan hat, kann man ihm noch beipflichten. Aber das wussten wir eigentlich schon. Ein erstes Stirnrunzeln stellt sich bei dem daraus gezogenen professoralen Schluss ein, es sei daher wichtig, dass die Bevölkerung nicht unnötig beunruhigt werde mit Angst einflössenden Meldungen, die nicht relevant seien.

Mit Bevölkerung ist offensichtlich die Schweizer Bevölkerung gemeint. Sie soll also nicht beunruhigt werden. Was aber wären die offenbar zu vermeidenden, nicht relevanten Meldungen? Dass es im am besten auf Erdbeben vorbereiteten Land der Welt zu einer Kernschmelze in einem AKW kommt? Dass die Produktion von Strom durch Nuklearenergie unter gewissen Umständen fürchterlich ausser Kontrolle geraten kann? So sehr ausser Kontrolle, dass die Schicksale Tausender, die gerade ihre Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Bekannten und/oder ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, von der real werdenden Gefahr einer nuklearen Verseuchung einer ganzen Region in den Hintergrund gedrängt werden? Sind das die Meldungen, die für die Schweizer Bevölkerung als Teil der Weltöffentlichkeit „nicht relevant“ sind?

Lässt sich diese Unklarheit vielleicht noch mit der Kürze des Interviews und meiner beschränkten Intelligenz erklären, werden die Aussagen von Professor Siegrist dort, wo er sich zur AKW-Debatte in der Schweiz äussert, definitiv unhaltbar.

Wenn die AKW-Debatte zur reinen Risikodebatte verkomme, so Professor Siegrist, werde es schwierig, Akzeptanz für die Atomenergie zu gewinnen. Wie bitte? Die zu führende Debatte, sehr geehrter Herr Siegrist, kann angesichts vorhandener Alternativen nicht zum Ziel haben, Akzeptanz für eine Form der Energieproduktion zu gewinnen, die unverantwortbar ist. Die Debatte muss angesichts des unlösbaren Abfallproblems der Atomenergie und ihres gerade wieder offenbar werdenden Katastrophenpotentials darüber geführt werden, wie sie am besten und am schnellsten durch verantwortbare erneuerbare Energien ersetzt werden kann.

Ihre unzutreffende Globalbehauptung, wir könnten „den angestrebten Nutzen mit einer anderen Technologie nicht erreichen“ ist eine haarsträubende Verkürzung einer zugegebenermassen hochkomplexen Problematik, und die Begründung, die Sie dafür anführen, ist mit Abstand das dümmste Beispiel, das Sie nennen konnten. Die „durch Windkraftwerke verbaute Landschaft“ gehört zwar in die von Ihnen geforderte „Abwägung“, macht dort aber angesichts der Bedrohung der japanischen Bevölkerung durch die ausser Kontrolle geratenen AKW eine pietätlose Figur. DAS, die Ästhetik der Landschaft, ist in diesem Zusammnhang nicht relevant, wenn Sie unbedingt über etwas nicht Relevantes schreiben möchten.

Wenn Sie als Professor für Risikowahrnehmung festhalten, man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, Risiken eliminieren zu können, ist das als Kernsatz aus dem Fundus Ihrer Wissenschaft sicher richtig, und es trifft in vielen Situationen auch auf die Politik und das individuelle Leben zu. Im vorliegenden Fall ist es aber schlicht falsch.

Das Risiko eines atomaren Unfalls kann eliminiert werden. Durch den simplen Entscheid, die bestehenden AKW vom Netz zu nehmen und keine neuen mehr zu bauen. Ich kann das Risiko eines Unfalls beim Fallschirmspringen eliminieren, indem ich nicht Fallschirm springe.

Dass die Strompreise stark ansteigen würden, wenn AKW verboten werden, ist in ihrer verblüffenden Stupidität eine Aussage, die ich eher spät Abends an einem Biertisch (oder vom Pressesprecher eines AKW-Betreibers während einer hitzigen Abstimmungskampagne) erwartet hätte als am helllichten Tag aus dem Munde eines nüchternen und besonnenen ETH-Professors.

Kein vernünftiger Mensch spricht davon, die AKW morgen alle abzuschalten und den danach noch produzierten Reststrom den Reichen vorzubehalten, die ihn dann noch bezahlen können. Ein Ausstieg aus der Atomenergie und der Ersatz des Nuklearstroms muss sorgfältig geplant und dann in einem sinnvollen Zeitrahmen umgesetzt werden. Aber das wissen Sie.

Dass Sie sich dann noch zur völlig abstrusen Aussage versteigen, wenn die Strompreise stark ansteigen, werde es den Armen schlechter gehen, und sie (die armen Armen) würden dann andere Risiken tragen müssen, indem sie sich zum Beispiel weniger Gesundheit leisten könnten, ist sogar als populistische Stimmungsmache grotesk, und es beunruhigt mich in Hinblick auf die zu führende Debatte über alle Massen. SIE beunruhigen mich über alle Massen. Sie scheinen mir ein Risiko für den guten Ruf der ETH und den guten Ruf der Ihre Meinung veröffentlichenden NZZ zu sein. Meiner Wahrnehmung der Chancen, dass der Mensch irgendwann noch zur Vernunft finden könnte, tun Sie jedenfalls ganz und gar nicht gut.

Fische im Kofferraum

11. März 2011

(Zen oder die Kunst, auf sein Auto zu warten)

Ein guter Freund aus Berlin lässt seinen alten Mercedes in Polen bei Piotr warten. Nicht dieses – das andere Warten. Das mit der Wartung. Er hat ihn nicht dort abgestellt und „Sitz!“ gesagt zu ihm wie zu seinem alten Hund, damit dieser wartet, bis er wieder kommt und ihn abholt, weil seine Freundin, zu der er jeweils zieht für die paar Tage, in denen er mir jeden Mai liebenswürdigerweise seine kleine Wohnung neben dem Theater überlässt, keine Hunde in ihrer Wohnung will, vor allem keine alten, denen der Sabber auf den Nomadenteppich tropft.

Als er ihn wieder einmal hinbrachte (nach Polen, zu Piotr), seinen alten Mercedes, um den Motor revidieren und eine ganze Reihe anderer Dinge in Ordnung bringen zu lassen, erwähnte er in der Mängelliste unter Varia, Wasser dringe in den Kofferraum ein. Ich nehme an, er erwähnte es deshalb, weil er der Meinung war, die Gummidichtung des Kofferraumdeckels müsste gelegentlich ersetzt werden.
„Ach ja und bevor ich es vergesse – da kommt Wasser in meinen Kofferraum.“
„Wasser?“ – fragte Piotr zurück –  „Machst Du Fisch rein!“

Dazu nur Folgendes. Ich weiss nicht, ob mein Freund Fische mag. Aber er hat definitiv keinen Hund. Ob seine Freundin, die ich sehr schätze, den Hund, den er nicht hat und von dem sich deshalb weder sagen lässt, ob er wirklich alt ist noch ob er deswegen auf den Teppich sabbert, nicht in ihrer Wohnung haben wollen würde, auch nicht für ein paar Tage im Mai, entzieht sich ebenso meiner Kenntnis, wie ich nicht weiss, ob die Dichtung des Kofferraumdeckels je ersetz wurde.
Das Einzige, worüber ich mit mir einigermassen im Reinen bin, ist dass es sich lohnt, auf die guten Dinge im Leben zu warten. Und vielleicht noch die Erkenntnis, dass zwar die meisten Dichtungen irgendwann ersetzt oder zumindest frisch formuliert werden müssten, dass es dafür aber in den seltesten Fällen teure Poeten braucht. Polnische Mechaniker erledigen den Job ohne viel Aufheben. Während man wartet.

Eigentlich wirklich alles

25. Februar 2011

Wir haben es alle längst vermutet. Dass schon lange alles gesagt worden ist, was es zu sagen gibt. Ludwig Thoma hat für uns Redner und Rednerinnen den gebrauchsfertigen ersten Satz formuliert, einen Instant-Lacher sozusagen, mit dem wir die Zuhörerschaft als dritte Rednerin oder als sechster Redner einer Veranstaltung erfahrungsgemäss zumindest für einen flüchtigen Augenblick auf unsere langweilende Seite ziehen können: „Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.“

Ein schöner Satz. Auch ich habe oft darüber lachen lassen. Nur selber mag ich nicht mehr wirklich lachen darüber. Aus verschiedenen Gründen, von denen die meisten hier und ganz sicher auch anderswo nicht interessieren. Weil der Satz nur die halbe Wahrheit beschreibt. Die ganze, vom Rednerpult abgewandte Wahrheit, ist, dass schon alles von allen gesagt wurde, und zwar nicht nur einmal, sondern mehrmals und leider immer wieder. Ein unsägliches Geschwätz. Ein meist sinnloses Palaver, ob gesprochen oder geschrieben. Auch meins. Wofür ich um Vergebung bitte. Macht mal jemand kurz das Fenster zu?

Kurz vor dem Ausbruch der totalen Ehrlichkeit

9. Februar 2011

Man könnte meinen, ich sei als Diplomat eindeutig die falsche Person, um zur Debatte über die totale Ehrlichkeit irgendetwas halbwegs Brauchbares beizusteuern. Aber manchmal liegt man mit Meinungen falsch und ohnehin ist weit und breit keine Debatte über die totale Ehrlichkeit auszumachen. Sie gestatten also, und sehen mir meinen ungefragten Beitrag zu etwas, was es nicht gibt, bitte nach. Manchmal tut es ganz einfach gut, im luftleeren Raum zu einem Nichts beizutragen, das sich dadurch in nichts auflöst und den Reigen der Nichtigkeiten überflüssigerweise ergänzt.  
Es ist vielleicht aber auch für andere ein bisschen therapeutisch, denn wer falsch liegt, wacht unerholt auf und sucht seinen Standpunkt womöglich den ganzen Tag vergeblich. Falsches Liegen kann korrigiert werden, wenn man Dr. Klemp aufmerksam zuhört, sich nicht von seiner weissen Schürze ablenken lässt  und die Packungsbeilage sorgfältig liest.
Es liegt nicht an der Sprache, wenn es sich so liest und anhört und oft auch so aussieht (Fillon zu Gast bei Mubarak), dass Diplomaten und Staatsmänner nicht der absoluten Ehrlichkeit verpflichtet sind, wie wir sie von ihnen erwarten und selber jeden Tag praktizieren. Die Staatsfrauen habe ich ganz bewusst nicht erwähnt. Es gibt über sie schlicht nichts Negatives zu sagen. Ausser vielleicht über die paar wenigen, die genau so funktionieren wie ihre männlichen Kollegen, aber die sind ihrer Rede nicht wert. 

Man greift zu kurz und wahrscheinlich ins Leere, wenn man sich darauf hinausreden will, die Sprache der Diplomaten sei – wie jede Art von Sprachgebrauch, wenn wir kurz innehalten und es uns zwischen zwei Gedankenstrichen überlegen – lediglich kodiert, und eigentlich sehr klar und deutlich, fast schon restlos ehrlich, wenn man den Code kennt.
Hillary Clinton sagt, der israelische Siedlungsbau in der Westbank sei für den Friedensprozess „nicht hilfreich“. In der dechiffrierten Version heisst „nicht hilfreich für“ (je nach Dechiffriertabelle, die man benutzt) „unvereinbar mit“ oder „in krassem Gegensatz zu“. Nur sagt ein Freund einem Freund das in der Öffentlichkeit nie in dieser Deutlichkeit und ein Zyniker würde anfügen, dass es nicht einmal hinter verschlossenen Türen entscheidend sei, ob etwas (im vorliegenden Beispiel ein Siedlungsbau) für etwas, was es nicht gibt (einen Friedensprozess) nicht hilfreich oder damit nicht vereinbar sei.   
Ich mag aber Zyniker nicht und die Kodierung der Diplomatensprache ist auch nicht die Ursache des Problems, noch steht sie einer möglichen Lösung im Weg, weder beim Nahostkonflikt noch bei sonst irgendeinem Konflikt. Im Sprachgebrauch der Diplomaten tritt uns das Phänomen der begrenzten Ehrlichkeit lediglich besonders deutlich entgegen. Und wir zeigen schliesslich alle gerne mit dem Finger auf Mängel, wenn wir sie mit dieser lockeren Geste bequem bei anderen deponieren können.

Wir hingegen (ein „wir“ ohne mich für einmal – ich bin Diplomat) sind ihr in unserem Alltag, sowohl im Berufs- als im Privatleben natürlich stets verpflichtet, dieser frontalen, ungeschminkten Offenheit, dieser Ehrlichkeit ohne Rest und Rücksicht auf Verluste. Egal, ob es sich um Begegnungen auf der Strasse, um Arbeitskolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Bekanntinnen und Bekannte, Freundinnen und Freunde, oder um die Person handelt, die wir gerade zu lieben meinen: wir sagen allen, auf Verabredung oder zufällig getroffen, stets nur das, was wir wirklich meinen, und zwar deutlich, und direkt: die Wahrheit.
Sollen selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Und wenn es ihnen nicht passt, können sie uns ja entlassen, die Freundschaft oder die Liebe kündigen oder uns aus dem Weg gehen. Der Gehsteig ist breit genug.
Nur der Scheisskellner kann das nicht, wenn wir ihn so richtig zusammenstauchen, weil die Espressotasse schon wieder nicht vorgewärmt war. Das arme Schwein kann uns weder aus dem Weg gehen noch kann er uns sagen, was er wirklich von uns hält. Sein Pech. Was hält er sich aber auch zuunterst in der Hackordnung auf. Hätte ja etwas länger zur Schule gehen können.
Lassen wir ihn (ohne Trinkgeld zurück). Wenden wir uns wieder den Diplomaten und Ministern zu. Die machen ja auch nur ihren Job. Vielleicht erscheinen sie uns ja nur deshalb so unappetitlich verlogen und verachtenswert, weil sie im grellen Rampenlichtlicht der Bühne, die wir ihnen überlassen, genau das in fast vollendeter Perfektion praktizieren, was wir im Grunde genommen an uns selber nicht wirklich mögen.

Tod eines Nilpferds

8. Februar 2011
Nein, das andere Ägypten. Es ist so: Die Bodenheizung ist ausgefallen. Was übrig bleibt, weil es zwar nicht an Akten fehlt, aber am Kamin, um sie zu verbrennen, ist, die Air Condition pro Stunde fünf Minuten auf Heissluft laufen zu lassen, und früh genug wieder abzuschalten, bevor sich der kalte Raum in eine Sauna verwandelt hat und es von der Decke tropft (wer will schon Stalaktiten in seinem Büro). Nur: die Air Condition klingt beim Abschalten wie ein sterbendes Nilpferd.

Natürlich weiss ich nicht, wie ein Nilpferd beim Sterben klingt, ob es dabei überhaupt ein Geräusch von sich gibt oder ob es lautlos das Zeitliche segnet, wenn es überhaupt ein Zeitgefühl hat und nicht im Augenblick, wo sich seine beharrliche Schwere in nicht mehr spürbare Leichtigkeit verwandelt, ganz einfach davon ausgeht (sofern mitten im Sterben irgendetwas einfach geht), alles sei immer so, wie es schon immer war und noch ist, und werde deshalb nun mit letzter Gewissheit so bleiben, oder ob der Kessel, den es beim Sterben im Zoo umkickt, das einzige Geräusch verursacht, welches bei seinem Tod zu vernehmen ist, und wie es sich dann, wenn dem wirklich so wäre, mit in der freien Wildbahn sterbenden Nilpferden verhalten würde, da dort normalerweise keine Kessel in Trittweite sterbender Nilpferde vorhanden sein dürften, und ob es wirklich eine Rolle spiele, ob man sich diese nicht vorhandenen Kessel leer oder voll vorzustellen hat, weil das Wasser ja, wenn welches in den Kesseln gewesen wäre, in der Trockenheit der Steppe (weshalb würde das Nilpferd sonst sterben?) ohnehin sofort versickern oder noch vor dem Versickern verdunsten würde, noch bevor das Nilpferd ganz tot ist.

Ich fasse zusammen und komme zum Schluss. Wenn es wirklich so heiss wäre, dass das Wasser, das aus dem vom sterbenden Nilpferd umgekickten Kessel fliesst, von dessen Vorhandensein auf freier Wildbahn wir in der Regel ohnehin nicht ausgehen dürfen, nicht einmal Zeit hätte (wobei es festzuhalten gilt, dass wir über das Zeitgefühl von Nilpferden bis heute nur unzureichend Bescheid wissen), um in Ruhe zu versickern, weil es unverzüglich (was vermutlich sogar einem Nilpferd ohne Zeitgefühl schnell vorkommen müsste) verdunsten würde, müsste man die Air Condition in meinem Büro nicht zum Heizen einsetzen, ganz egal, ob die normalerweise diesem Zweck dienende Bodenheizung ausgefallen wäre oder einwandfrei funktionieren würde. Was aber, wenn das Haus mit vielen Akten aber ohne Kamin, in dem sich mein Büro befindet, gar nicht in der Nähe des Ortes wäre, wo Nilpferde normalerweise sterben? Macht irgendetwas dann noch irgendeinen Sinn?
Dieser Text ist, es tut mir leid, hoffnungslos misslungen und es kommt auch für das Nilpferd jede Hilfe zu spät. Was mir bleibt, ist allen einen schönen Tag zu wünschen und diesen Text dem „Journal of Universal Rejection“ (Link in der Spalte rechts) einzusenden, um ganz sicher zu sein, dass er nirgendwo mehr auftaucht, ganz im Bewusstsein, dass man nie sicher sein kann und es auch nie sein wird vor dem letzten Atemzug.

Kritik der kleinen Vernunft

6. Februar 2011

Schlechtes zu kritisieren, ist Zeitverschwendung. Schlechtes entblösst sich im Augenblick, in dem es sich offenbart, selber. Diejenigen, die sich trotzdem noch damit beschäftigen, haben entweder wenig Urteilsvermögen, sind mit sich selbst unzufrieden und erkennen dankbar einen weiteren Sack, den sie anstatt sich selber schlagen können, oder sie haben chronisch zu viel Zeit. Auf manche treffen alle drei Eigenschaften gleichzeitig zu, aber über die zu reden, fehlte mir dann definitiv die Zeit.

Kritik lohnt sich da, wo eine gewisse Qualität vorhanden ist. Die setze ich bei der NZZ und bei den Menschen, die darin zu Wort kommen, irgendwie voraus. Ich hätte das „irgendwie“ gerne weggelassen, aber ich stelle in letzter Zeit eine wachsende Lust an der Kritik an Bewährtem in und an mir fest, eine Art Spätpubertät vielleicht, die mich nicht einmal gross beunruhigt. Vielleicht hat meine Jugend Glück, dass sie schon vorbei ist, weil sie sonst womöglich weniger beschaulich verlaufen wäre.  Aber wie die Ägypter diese Tage sagen: Lieber spät als Nil.

Es ist mir klar, dass es für Roger Keller nicht einfach war, eine mich überzeugende Aussage in sieben Antworten auf sieben Fragen zu verpacken, welche ihm die NZZ am Sonntag für den Wirtschaftsteil der heutigen Ausgabe stellte.  Ich zweifle nicht Ihren Sachverstand an, sehr geehrter Herr Keller, auch nicht ihren Verstand als solchen. Wir befinden uns im Wirtschaftsteil einer bürgerlichen Zeitung und was Sie von diesem Standpunkt aus zu den Ereignissen in der arabischen Welt sagen, klingt absolut vernünftig für jemanden wie mich, der wenig Ahnung von Wirtschaft hat, und ist es ganz bestimmt für alle, die etwas davon verstehen. Nur, lieber Herr Keller, ist das eben, von meinem Standpunkt aus betrachtet, eine Vernunft in einem ganz engen Rahmen, eine kleine Vernunft, die mir nicht reicht, nicht einmal im Wirtschaftsteil und im Korsett kurzer Antworten auf sieben Fragen.

Haben Sie einen Moment Zeit, sich meine Argumente anzuhören (maximal 1000 Zeichen ohne Leerschläge)? Vielen Dank.

Herr Keller? Ach hier sind Sie. Ich dachte schon…

Zur Ihrer Verteidigung sei gesagt, dass schon die allererste Frage, die Ihnen Frau Jacquemart gestellt hat (die ich hiermit auch ganz herzlich auf meinem Blog begrüsse), sie in genau diese unerträgliche Enge getrieben hat, aus der Sie im Verlauf der weiteren Fragen und Antworten nicht mehr herausfinden. Ob sich die Investoren sorgen müssen, fragt Sie Frau Jacquemart, weil in Ägypten und Tunesien das Wirtschaftsleben stillstehe. Was für eine wunderbare Frage.

Natürlich weiss sogar ich, dass diese Länder Investoren brauchen, wenn es denen, die jetzt demonstrieren, eines Tages besser oder zumindest nicht noch schlechter gehen soll. Das gehört zum kleinen ABC der Weltwirtschaft und ich kann von daher auch verstehen, warum sich die Frage nach der Beunruhigung der Investoren stellt. Wenn Sie in Ihrer Antwort ausführen, lieber Herr Keller (darf ich Sie Roger nennen? Wir sind hier ja praktisch unter uns), dass die Finanzmärkte bis jetzt nicht gross reagiert haben, ist das sicher richtig. Alle Ihre Antworten auf die sieben Fragen sind richtig. Nur sind sie, wie bereits die Fragen, eben auch völlig falsch.

Wer die Unruhen in Ägypten auf den Suezkanal beschränkt (wo es aus dieser Deiner Sicht immerhin 8% wichtig wird, denn soviel vom globalen Öl muss da durch)  und in dieser öligen Logik Saudiarabien als Schlüsselland bezeichnet, kommentiert die Ereignisse in den arabischen Ländern nicht mehr aus einer reinen Wirtschaftsperspektive, sondern er hält den Finger, ob er will oder nicht, genau auf den wunden Punkt. Bist Du noch da, Roger?

Was Du den Investoren, und mit ihnen den Kleinanlegern und Kleinsparern, damit sagst, ist Folgendes: Tunesien? Ägypten? Peanuts. Maximal 8% Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Und der Winter ist ohnehin bald vorbei, nicht so schlimm, wenn das Öl etwas teurer werden sollte. Will heissen: Weiterschlafen! Wir wecken euch dann, falls es in Saudiarabien losgehen sollte.

Das scheint auch Frau Jacquemart eingelullt zu haben. Sie schweift schon bei der dritten von sieben Fragen vom Titel des Interviews („Saudiarabien ist das Schlüsselland“) zur Arbeitslosigkeit und Verschuldung der USA ab. Aber auch dort hältst Du ein wenig Expertentrost bereit. Die Weltwirtschaft müsse eine neue Lokomotive finden, schlägst Du als Lösung vor, und wenn ein verantwortungsvoller Fachmann wie Du so etwas sagt, habt ihr sie vermutlich schon längst gefunden. Darf ich raten: China? Wunderbar. Das beruhigt nun auch mich.

Spekulationen darüber, ob die neue Lokomotive allenfalls in eine Richtung unterwegs sein könnte, die nicht nur Gutes verheisst, überlassen wir den anderen Fachmännern und Fachfrauen (gibt es eigentlich schon Quoten für fragenstellende Journalistinnen oder zu befragende Fachfrauen in der NZZ?). Denjenigen, die sich mit Politik, Sicherheit und Menschenrechten befassen. Das sind zum Glück nicht dieselben. Die wären vernunftmässig total überfordert, wenn sie alles zusammen in Betracht nehmen müssten. Sie würden womöglich im Irrenhaus enden oder in einer Regierung Einsitz nehmen.

Weisst Du, lieber Roger, ich bin überzeugt, dass ihr es alle nicht bös meint. Aber wenn Frau Jacquemart ihre siebte Frage dafür einsetzt, und sie hat es sich sicher sehr gut überlegt, weil es die letzte Frage war, um Dir angesichts der beunruhigenden Aktualitäten (epochale Umwälzungen im arabischen Raum, hohe Arbeitslosigkeit und gigantische Verschuldung der USA) einen Tipp für Anleger zu entlocken, und Du offenbar ohne zu zögern freimütig zu riskanten Anlagen rätst, dann macht mir das schon ein bisschen Sorgen. Nicht als Anleger. Ich lege nicht an.

Dass Aktien Bonds schlagen werden, mag sich als zutreffende Prognose erweisen, Du bist schliesslich ein Fachmann, und dass der Anleger und die Anlegerin die Volatiliät der Aktienmärkte ertragen können müssen, scheint mir auch keine allzu grosse Zumutung darzustellen.

Mein persönliches Worst-Case-Szenario (Frage zwei, Du erinnerst Dich) ist nicht, dass Saudiarabien instabil wird, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Kacke im Mittleren Osten dann ganz schön am Dampfen wäre und die Finanz- und Wirtschaftsexperten womöglich die AnlegerInnen aus ihren Profitschlaf wecken müssten. Mein persönliches Worst-Case-Szenario ist, dass der vermeintlich abgesicherte Teil der Menschheit noch lange damit fortfährt, die Welt mit dem Instrumentarium der kleinen Vernunft als eine spannende Geografie von Rohstofflieferanten und Absatzmärkten zu erkennen und zu behandeln.  Das muss auf die Dauer zu Zuständen führen, die für uns alle schwieriger zu ertragen sein werden als die Volatilität der Aktienmärkte.

Ich wünsche Dir, lieber Roger, oder Ihnen, sehr geehrter Herr Keller, sollten Sie diese Anrede bevorzugen, was ich nach meiner Kritik an der kleinen Vernunft verstehen würde, und natürlich auch Ihnen, verehrte Charlotte,  einen schönen Sonntag.

Ihr,

Walter Haffner