Archive for the ‘Texte’ Category

Worüber man will

7. Februar 2015

„Nachdenken, worüber man will“, lautete diese Woche der Titel eines Artikels im Wirtschaftsteil, den ich sonst überblättere aus Mangel an beidem, Interesse und Verständnis. Einer meiner Mängel, mit denen ich bis heute ohne Mangelerscheinungen lebe, obwohl ich weiss, dass es die Wirtschaft ist, Honey, von der wir leben, während die Politik lediglich die Rahmenbedingungen schaffen muss, damit die Wirtschaft funktioniert und die Kultur und die Diplomatie finanzierbar sind. So in der Art. Ohne Weise.

Wenn man vor einem Fluss steht, muss man sich entscheiden, wo man rüber will. Falls keine Brücke vorhanden ist und man gerade keine bauen kann, sucht man sich am besten eine Furt. Eine Untiefe, wo der Fluss überquerbar ist, ohne von ihm mitgerissen zu werden (wer will schon ins Meer).

Oder man geht am Ufer entlang, bis man endlich eine Brücke findet. Vielleicht eine, die einfach so über den Fluss hängt und erst spannend wird, wenn man sie überquert. Oder eine, die einst im Bogen kühn geschlagen wurde. Es gibt vielerlei Brücken und eine schöne kann auch entzücken.

Der Vorteil, wenn man bis zur nächsten Brücke eine Weile wandern muss, kann darin bestehen, dass man mehr Zeit hat, um nachzudenken, warum man rüber will. Und ob überhaupt. Was, ausser einer Vermutung und wieder ein Weg, liegt am anderen Ufer? Und wie wird man wissen können, wenn man drüben ist, ob es wirklich das andere Ufer ist, wo man angekommen ist, und nicht schon wieder das eine, von dem man aufbrechen wollte? Eine Böschung gleicht der anderen.

Vielleicht ist man ja schon, ohne es gemerkt zu haben, längst am anderen Ufer gewandert, und das, was jenseits der Brücke wie das andere ausgesehen hatte, war schon immer das eine, und wird es auch bleiben, egal, wie oft man die Brücke noch überquert.
Als hilfreich könnte sich jemand am anderen Ende der Brücke erweisen, der sich mit Wasserstand und Uferfauna auskennt. Es müsste eine vertrauenswürdige Person sein, der wir unseren Bieber in die Ferien geben würden ohne zu zögern. Nach sieben Uhr höchstens noch drei kleine Scheite, sonst schläft er nachher schlecht.

„Ist auf Ihrer Seite das eine Ufer…?“, rufen wir der Frau mit Hund zu, die einen gelben Regenmantel trägt, der von der Sonne ausgebleicht ist, „…oder das andere?“
Sie hat uns bemerkt, denn sie steht nun bockstill, während sie vorher keinen Wank tat, auch der Hund bewegt sich nicht mehr als vorher (gar nicht). Sie schaut in unsere Richtung. Jedenfalls möchten wir glauben, dass sie das tut, aber unser Winken verrät uns: Hier sind wir, wir wissen nur nicht wo.

Sie antwortet nicht. Vielleicht will sie uns nicht enttäuschen. Vielleicht sieht sie uns nicht (der Fluss ist hier breit). Vielleicht ist sie blind oder ein Mann und der Hund ausgestopft. Auch war die Frage falsch gestellt. Sie kann nur ja oder nein sagen, das stand als Vorgabe am Anfang des Rätsels. Auf Fragen mit „oder“ weiss sie keine Antwort, auch keine mit „und“. Sie wendet sich ab und bückt sich ins Unterholz, als würde sie Pilze suchen. Bald darauf verschwindet sie aus unserem Blickfeld. Nur der Hund bellt noch eine Weile weiter, trotz allem vergnügt.

Floored Floater

29. November 2014

Es war typisch für mich: Als ich „Floored Floater“ las, dachte ich sofort an ein bedauernswertes Tier, einem Seeotter nicht unähnlich, das sich in seinen muschelfreien Stunden auf den Wellen einer sanften See treiben lässt, und nun wegen gravierender Umweltverschmutzung, für die ich mich schuldig fühlte, auf Grund gelaufen war. Ich wollte unverzüglich aufbrechen, um es zu retten. Wenn nötig, würde ich ihm in meiner Badewanne Asyl gewähren. Lass schon mal Wasser ein, Liebling, lauwarm, mit etwas Badesalz, nein: ohne Parfüm, ich bin gleich wieder da.

Als ich dann den Zusatz „mit Referenzanleihe“ las, war mir klar, dass ich mich in die Finanzwelt verirrt hatte und mein reflexartiger Fluchtversuch ins Reich der Fabeltiere gescheitert war. Mein Interesse am Angelesenen sank wie ein Stein auf den Boden der Zeitung, wo der ebenso bedauernswerte wie inexistente Floater, vom Ozean meiner enttäuschten Erwartungen flachgedrückt, mit riesigen Augen, die ich ihm traurig schloss, auf seine Verwesung wartete.

Verwesen Organismen auf dem Grund der Tiefsee überhaupt, oder sedieren sie lediglich, Schicht über Schicht über Schicht? Wenn ich das jetzt auch noch google, verzettle ich mich wieder und die Suchmaschine fügt meinem Profil einen Hang zum Morbiden hinzu, der es mir bei künftigen Suchen schwer machen wird, fröhlich zu werden.

Falls Sie sich wegen dem Titel des Eintrags auf meinen Blog verirrt haben, tut es mir nicht wirklich leid. Auf der Suche nach der verlorenen Bonität einer ihnen flüchtig bekannten Emittentin hat Sie mein Titel hierher geführt, wobei Titel für Sie normalerweise eine ganz andere Bedeutung hat. Hier können Sie mit dem, was sie antreffen, nichts anfangen. Aber smart, wie Sie als Anleger sind, haben Sie den Irrtum sofort bemerkt.

Das ist hier nicht die Finanzwelt, rufe ich Ihnen nach. Hier können Sie keine vierteljährlichen Minimum Coupons beziehen und Kapitalschutz bei Verfall der Zahlungsfähigkeit des Referenzschuldners können Sie vergessen. Hier gibt es weder Schmalbesteuerung noch Schwarzgeldbleiche. Hier winseln die Zinse und das einzige, was optimiert wird, ist Ihre Verunsicherung. Aber Sie hören mich nicht. Sie sind längst wieder weg. Ihr Irrtum hat höchstens Sekunden gedauert.

Und Sie hatten natürlich völlig Recht mit ihrer raschen Einschätzung der Lage. Hier gibt es nichts mitzunehmen. Obwohl das ja in letzter Zeit stark in Mode gekommen ist, das Mitnehmen. Zum Beispiel im Sport. Den einen Punkt, lässt sich der Headcoach nach dem Auswärtsspiel verlauten, nehmen wir gerne mit. Sogar nach einer Niederlage. Wir haben zwar verloren, aber wir nehmen die Erkenntnis mit, dass wir, wenn alles zusammenpasst, auch gegen Grossclubs bestehen können.

Aber nicht nur im Sport wird gerne mitgenommen. Auch ein Entwicklungshelfer erzählt mir früh morgens im Radio, während ich mir Schaum um mein doppeltes Kinn schlage, er habe von seinem letzten Afrika-Aufenthalt die Erkenntnis mitgenommen, dass der Mensch viel mehr Widerstandskraft habe, als wir gemeinhin vermuten. Beim Wechsel des Anbieters lässt sich heute die Rufnummer mitnehmen. Es gibt Leute, die nehmen Kleiderbügel und Bademäntel aus Hotelzimmern mit. Andere antike Steine von Ausgrabungsstätten. Es war ihnen nicht bewusst, dass sie aus Stein sind.

Wir sind alle stark im Mitnehmen. Ich nehme mit, Du nimmst mit, sie nimmt mit. Und das nicht erst seit heute. Du nahmst mit, er nahm mit, ihr nahmt mit, ich habe mitgenommen, wir hatten mitgenommen. Deshalb liegt bei uns zuhause so viel Krempel herum, bezahlt oder gefunden. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird das so weitergehen. Ich werde mitnehmen, Du wirst mitnehmen, wir werden mitnehmen, sie werden mitnehmen, ihr werdet mitnehmen. Auswärtspunkte, Erkenntnisse, Gefühle, Kleiderbügel, Kapitele, Bademäntel, Bücher, schwarze Socken. Bis irgendwann kein Platz mehr ist. Bis wir die Müllabfuhr oder Enzensbergers gute alte Furie des Verschwindens kommen lassen müssen, der am Ende ohnehin alles zufällt, zuerst langsam, dann rasend schnell.

Wenn ich Ihnen etwas auf den Weg geben darf, bevor Sie diesen Blog wieder verlassen: Nehmen Sie es nicht mit. Nehmen Sie überhaupt nichts mit, was Sie auch hier lassen können. Denken Sie an die forschen Fragen der Zöllner. Widerstehen Sie dem Sammlerreflex. Denken Sie an all das, was zuhause bereits ausser Gebrauch ist. Lenken Sie sich ab. Denken Sie an Blumen, die nur einmal im Jahr um Mitternacht blühen. Denken Sie an einen Film oder einen Freund, den Sie gerne wieder einmal sehen würden. Oder denken Sie, wenn Sie das hinkriegen, am besten an gar nichts.

Lassen Sie sich auf dem Heimweg vom Schlaf überwältigen, dem wohltuenden Wegelagerer. Legen Sie den Kopf in den Nacken, notfalls in Ihren, und schlafen Sie, bis das Geräusch der auf der Rollbahn aufsetzenden Räder Sie weckt. Und bitte vergewissern Sie sich, bevor Sie das Flugzeug verlassen, dass kein Floater auf dem Boden liegt.

Ein am Horizont parkiertes, sechsfach gesichertes Fahrrad

14. September 2014

Zwischen einem Artikel über die bevorstehende Abstimmung zur schottischen Unabhängigkeit und einem, der die amerikanischen Mühen beschreibt, arabische Staaten für den Kampf gegen die Jihadisten zu gewinnen, steht in der NZZ am Sonntag ein Rennrad auf einem teuren, ganzseitigen Standplatz.

Es gehört, wen wundert’s, einer Versicherungsgesellschaft. Fast alles gehört, wenn wir einmal fort sind, einer Versicherungsgesellschaft. Wahrscheinlich schon vorher.

Das Rennrad ist mit sechs Schlössern gesichert, wovon eines besonders raffiniert das Vorderrad mit dem Vorderrad verbindet, obwohl jenes weder am Fahrradrahmen noch am Kandelaber festgemacht ist, an dem das Fahrrad angelehnt ist. Wer dieses Vorderrad stiehlt, so lautet die entmutigende Botschaft an potentielle Diebe, muss das Vorderrad samt Schloss mitnehmen.

Um Fahrraddieben keine Gelegenheit zu bieten, die Schlösser in Ruhe zu studieren und schliesslich zu knacken, wird das Fahrrad regelmässig umparkiert. Vor einer Woche stand es zum Beispiel zwischen Artikeln über Massenmorde im Irak und die rasend schnelle Ausbreitung von Ebola.

Der Besitzer des Fahrrads ist offenbar ein Mann von Welt. Zumindest liest er den internationalen Teil der Zeitung. Sonst würde er sein teures Fahrrad wohl ab und zu auch in den Rubriken „Schweiz“ oder „Zürich und Region“ parken und von da aus nachhause spazieren. Obwohl ich vermute, dass er zu denjenigen Zeitgenossen gehören könnte, die an der Börse spekulieren, steht sein Fahrrad nie zwischen den Kursmeldungen.

Dort findet man seltsamerweise weder Fahrräder, Luxuskarossen noch teure Uhren. Dort wird es offenbar ernst. Zwischen Kursen und Diagrammen wird nichts geduldet, was der Konzentration auf die Gewinnoptimierung abträglich sein könnte. Man muss sich durch eine Zahlenwüste durchkämpfen, bis man es endlich geschafft hat und sich an der unnachahmlichen Leichtigkeit des Sportteils laben kann.

Wir müssen hier nicht über die Werbung als unentbehrliches Fundament für die Presse diskutieren. Wir müssen überhaupt nicht diskutieren. Es ist Sonntagabend. Trotzdem kann die unmittelbare Nachbarschaft von versicherbarem Luxus zu Tod und Überlebenskampf befremden. Einer hat ein Luxusfahrrad und parkiert es, gesichert mit sechs Schlössern, zwischen Tod und Vernichtung.

In der Relativitätstheorie gibt es den Begriff des Ereignishorizonts. Ich kann das wie so vieles weder ganz verstehen noch richtig erklären, aber mich beeindruckt die Vorstellung, dass Ereignisse jenseits dieses Horizonts für Beobachter nicht mehr sichtbar sind.

Während man in der Relativitätstheorie unter „Ereignissen“ Punkte in der Raumzeit versteht, die durch Ort und Zeit festgelegt sind, handelt es sich in Gegenwart und Geschichte in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle um Scheusslichkeiten, die der Mensch dem Menschen antut. Die Skala ist in sämtliche Richtungen offen. Ein Blick in die Tagesnachrichten genügt.

Ähnlich wie in der Relativitätstheorie gibt es vielleicht in unserem individuellen Leben einen Ereignishorizont, jenseits dessen wir die Ereignisse nicht mehr wahrnehmen können. Wir erhalten sie zwar noch vorgesetzt, aber ab einem bestimmten Grad von Grausamkeit und nach zu häufiger Wiederholung finden sie jenseits unseres Ereignishorizontes statt, in einer anderen Welt, mit der wir nichts zu tun haben wollen.

In der Relativitätstheorie bildet der Ereignishorizont eine unüberwindbare Grenze für Information und kausale Zusammenhänge. Das trifft wahrscheinlich analog auch für unsere Aufnahmefähigkeit gegenüber dem Weltgeschehen zu, wo es uns zu brutal und zu grausam wird.

Der beobachtbare Teil des Universums liegt angeblich 47 Milliarden Lichtjahre entfernt. Licht klingt hell, Jahre kennen wir und sogar an Milliarden haben wir uns im Zeitalter des Grössenwahns gewöhnt. Trotzdem übersteigt das meinen Horizont.

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Erkundung des Weltalls nicht allen gegeben ist. Die Tiefen des Weltalls sind kein taugliches Tagesthema. Die Konfrontation mit den menschlichen Abgründen wird uns hingegen täglich zugemutet, und das ist wahrscheinlich richtig so. Sie sind weniger weit entfernt und bevor sie in einem schwarzen Loch verschwinden, stürzen wir selber hinein.

Wir müssten irgendwann damit beginnen, uns mit dem zu beschäftigen, was schief gelaufen ist und immer noch schief läuft. Sechs Schlösser an unser geliebtes Rennrad zu hängen, wird nicht reichen.

Vom geeigneten Umgang mit Rohdaten

26. Juli 2014

Der amerikanische Aussenminister Kerry habe im vergangenen Mai Rohdaten (raw data) gesehen, die darauf hindeuten würden, dass die syrische Armee bei einem Angriff auf Rebellen Chloringas verwendet habe.

Abgesehen davon, dass es ein scheussliches Kriegsverbrechen wäre, sollten diese Anzeichen inzwischen zur Gewissheit geworden sein, beschäftigt mich die Frage: Was genau sind Rohdaten?

Raw data. Ich nehme an, dass es in Sicherheitskreisen jede Menge von Spezialisten gibt, die keinerlei Mühe haben, den Begriff im Schlaf zu definieren. Rohdaten? Wie viele hätten Sie denn gerne? Soll ich sie einpacken oder kochen Sie sie gleich?

Wer in ein Wörterbuch schaut, findet verschiedene Übersetzungen, und was zunächst so roh und ungehobelt daherkam, wird ganz schön kompliziert.

„Ausgangsdaten“. OK. Offenbar etwas, wovon man ausgehen kann. Dass man mit ihnen in den Ausgang ginge, wird kaum gemeint sein. Ein Date mit Daten? Wer ausserhalb von Geheimdienstkreisen hätte Bock auf sowas?

Als Nächstes offeriert das Wörterbuch „Originaldaten“ und ich lege mir das so zurecht, dass es Daten gibt, die Originale sind, weil sie am Anfang stehen. Primärdaten, wo noch keiner dran herumgefummelt hat. Am Anfang schuf Gott die Rohdaten.

„Urdaten“? Da muss ich bereits raten. Wahrscheinlich sind damit Dinosaurier-DNA gemeint. Landeanweisungen für riesige Flugechsen mit erbsengrossem Hirn. Ungeduldige Fische, die versuchen, an Land zu kriechen, bevor ihnen Füsse gewachsen sind. Auf jeden Fall alles versteinert. Hard facts.

„Ursprungsdaten“ klingt hingegen irgendwie niedlich, fast ein wenig entschuldigend. Also ursprünglich hatten wir Daten. Dann hat jemand das Fenster offen gelassen über Nacht und jetzt sehen sie ja selber. Was für eine Bescherung! Wie soll man so arbeiten?

Faseln wir zusammen: Rohdaten sind Daten, die quasi ursprünglich sind. Es handelt sich ganz offensichtlich um etwas noch Unverändertes, wovon man ausgehen kann, weil es die Originale sind, keine Abbildungen. Rohdaten sind schlüssige Beweise für sich selber. Man sollte sie deshalb an einem sicheren Ort, am besten lichtgeschützt und bei konstanter Temperatur aufbewahren. Keine Feuchtigkeit bitte, sonst wachsen Pilze.

Wenn man sorgsam mit ihnen umgeht, mit den Rohdaten, entsteht im besten Fall eine Rohdatenmatrix. Das ist dann wirklich ein schöner Erfolg des ganzen Teams und man lässt die Korken knallen und reicht Lachs-Canapés herum.

Manchmal muss man sich aber auch mit Rohdatenmatrizen begnügen. Aber schon die sind so wertvoll, dass man sie am besten nicht ansieht, um sie nicht zu verändern.

Der grösste Feind der Rohdaten ist nämlich ihre Interpretation. Sie lauert hinter jeder Ecke, und sobald man die Rohdaten einen Moment unbewacht herumliegen lässt, fällt sie über sie her und deutet sie, bis nichts mehr von ihrer Originalität übrigbleibt. Wie eine Furie, sage ich Ihnen. Man muss wirklich aufpassen, weil sich die Daten danach nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen. .

Man sollte seine Rohdaten zwar besser nicht betrachten, wegen der akuten Deutungsgefahr, aber man darf sie aus dem gleichen Grund auch nie aus den Augen lassen, weil sonst die Furie kommt.

Am besten verbringt man die Nacht bei geschlossenen Fenstern im Büro, schläft neben dem Tresor auf einer Rohdatenmatratze und träumt vom Ursprung, als es noch kein Chloringas gab, keine Kriege, keine Geheimdienste, keine Menschen die einander Scheussliches taten. Keine Menschen.

Nur Fische ohne Füsse, die immer wieder versuchten, an Land zu klettern, um beim ersten Schatten einer Flugechse, der über sie hinweg huschte, zurück ins Meer zu plumpsen.

(25.07.2014)

Unsachdienliche Hinweise

20. Juni 2014

Lassen Sie es mich gleich zu Beginn ganz klar sagen, Herr Richter, ich will Sie nicht enttäuschen und Ihnen ihre wertvolle Zeit rauben, denn ihre Zeit ist wertvoll, weil sie vom Staat bezahlt werden, und somit letztlich von dessen Bürgern: Meine Hinweise werden ihrer Sache nicht dienlich sein.

Anders als das, worum die Polizei normalerweise bittet, sind meine Hinweise völlig unsachdienlich. Was nicht heissen will, dass sie unsachlich daherkommen. Sie sind durchaus auf eine Sache bezogen, indem sie darauf hinweisen, aber sie versuchen eben auch, wenn Sie gestatten, davon abzulenken, wobei sie es so gut wie möglich vermeiden, dienlich zu sein.

Es geht meinen Hinweisen ums Prinzip und mir als Hinweisendem um die Ehre. Nicht um meine, ich bitte Sie, die steht hier nicht zur Diskussion. Es geht um die Ehre derer, auf deren Gesinnung Sie sich Hinweise erhoffen von mir. Es geht um deren Sache im Unterschied und in Abgrenzung zu Ihrer Sache. Es geht also eigentlich um die gleiche Sache.

Nur hätte diese Sache, sagen meine oppositionellen Freunde, und man muss ihnen Recht geben, sobald man einmal verstanden hat, was sie meinen, von Anfang an genauer definiert werden müssen. Wessen Sache? Worum geht es genau? Wem sollen wir Hinweise geben, worauf, auf wen? Und wem wird letzten Endes damit gedient?

Wer einen Dieb verrät, Herr Richter, da wir sind uns einig, handelt im Interesse der Bestohlenen. Auch wenn diese das ihnen nun entwendete Gut unrechtmässig erworben haben. Auch wenn sie es ursprünglich dem Dieb oder dessen Eltern und Grosseltern entwendet oder vorbehalten hatten. Mit sachdienlichen Hinweisen ist deshalb grösste Vorsicht und Zurückhaltung walten zu lassen.

Unversehens dient man sonst einer Sache und damit Herren, denen man eigentlich gar nicht dienen möchte. Damit soll nicht gesagt sein, dass ich Diebstahl gutheisse, euer Ehren. Keinesfalls. Diebstahl ist zu verurteilen, Herr Richter. Ganz klar und in jedem Fall.

Aber eben früh genug. Im Anfangsstadium sozusagen. Wenn sich die einen auf Kosten der anderen bereichern. Nicht erst dann, wenn die anderen verzweifeln und in ihrer Verzweiflung darin Zuflucht suchen, die einen zu bestehlen. Das meine ich, wenn Sie mich fragen, ob ich sachdienliche Hinweise habe. Ich habe keine. Ich habe nur unsachdienliche, und es beruhigt mich, Ihnen damit nicht gedient zu haben.

Ina im kindischen Ozean

18. Juni 2014

Nachdem wirtschaftlich schon seit Langem die bange Rede davon ist, dass Europa bald nur noch der Wurmfortsatz Asiens sein werde, hat sich spätestens mit der angekündigten Verschiebung eines Teils der US-Streitkräfte auch die geostrategische Diskussion in den Pazifikraum verschoben. Die Konferenzräume in den grossen Hotels sind seither permanent ausgebucht und man kriegt in einem Radius von zwei Kilometern kaum noch Flipcharts oder Filzstifte. Neben dem pazifischen Raum interessiert allenfalls noch der indische Ozean. Eine Studie eines renommierten Denktanks befasste sich kürzlich mit der Präsenz von China im indischen Ozean.

Ich habe mit dem Lesen der Studie begonnen, weil ich meinte, ich müsste das wissen, aber ich stellte rasch fest, dass es sich um ein Missverständnis handelte, genauer gesagt um einen Druckfehler. Es ging nicht um China im indischen Ozean, sondern um Ina im kindischen Ozean. Ina hat sich als sechsjähriges Mädchen aus der Steiermark herausgestellt, das seit ihrem dritten Lebensjahr den ganzen Tag nichts anderes macht, als mit Wasserfarbe Ozeane auf grosse Papierformate zu malen. Von morgens bis abends. Mit einer Geduld und Ausdauer, die in keinen Kindergarten passt. Sie ist mittlerweile bei 289 Ozeanen angelangt und wenn sie mit den Ozeanen fertig ist, hat sie ihrer Mutter gesagt, sind die Kontinente dran.

Das Problem ist nun aber, dass Ina diesen Sommer eingeschult wird. Experten der Forschungsstelle für Aquarelle Geophysik der Universität Graz befürchten deshalb, dass es nur für ganz wenige Kontinente reichen könnte. „Maximal sieben“, äusserte sich Professor Diethelm in der Juniausgabe der Fachzeitschrift Geopaint. „Vielleicht aber auch nur vier oder fünf, und dann wird es wirklich eng.“

Die oberste Bildungsbehörde der Steiermark ist nun im Gespräch mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, um für Ina allenfalls eine Ausnahmeregelung von der allgemeinen Schulpflicht zu ermöglichen. Dagegen bildet sich jedoch bereits Widerstand. Die militante Vereinigung der Eltern von mit Wasserfarbe malenden Kindern (VdEVMWMK) setzt sich vehement dafür ein, dass Ina die Grundschule besuchen und trotzdem extensiv weitermalen darf. Falls dies nicht erlaubt werde, droht die VdEVMWMK damit, ihre Abkürzung zu kürzen. Ob sich die Österreichische Bundesregierung in einem Maljahr auf diesen heiklen Machtkampf einlassen will, ist fraglich.

Mättu Salem

31. Mai 2014

Mättu war ganz sicher der älteste Mensch in Bümpliz. Vermutlich sogar im Kanton Bern und ich wage zu behaupten in der ganzen Schweiz. Womöglich sogar in Europa. So weit wie die Welt würde ich nicht gehen. In der Welt hat es immer irgendwo einen älteren Chinesen. Aber in der Schweiz auf jeden Fall. Ich kannte jedenfalls keinen älteren. Schon gar nicht in Bümpliz. Mättu wusste selber nicht genau, wie alt er war. Er wusste es auch nicht ungenau.

Zuerst dachte ich, er hat dieses Ding, das viele alte Menschen haben, er vergisst alles. Später fand ich heraus, dass es bei ihm ein wenig anders war. Er machte den ganzen Tag nichts anderes als vergessen. Man kommt nicht in den Himmel, wenn man nicht alles vergessen hat, was man erlebt hat, hat er einmal zu mir gesagt, an einem Nachmittag im Frühling, als ich Tee mit ihm trank auf der Terrasse des Altersheims und rote Augen hatte wegen den Scheisspollen, deshalb weiss ich noch, dass es Frühling war, und ich habe diesen Satz wunderbar gefunden.

Das ist ein wunderbarer Satz, habe ich zu Mättu gesagt, und ihn aus meinen roten Augen angestrahlt wie man wahrscheinlich ein Kind anstrahlt, das gerade zum ersten Mal ein Wort gesagt hat. Hast Du den selber erfunden? Welchen Satz, hat Mättu zurückgefragt und mich mit einem Gesicht angeschaut, das ich jetzt gar nicht mehr beschreiben kann. Vergiss es, Mättu, hab ich geantwortet, und musste im selben Augenblick lachen, weil er ja ohnehin nichts anderes machte als vergessen. Es war als wenn ich zu ihm gesagt hätte: Atme, Mättu, atme!

Mättu lachte auch. Das tat gut, denn er lachte nicht oft. Ein paar Monate später hat er dann nicht mehr geatmet. Er war offenbar fertig geworden mit Vergessen und ich glaube fest daran, dass er im Himmel ist. Mir ist scheissegal, ob es einen Himmel gibt. Ich weiss, dass es keinen gibt. Aber wenn es um Mättu geht, gibt es einen. Mättu ist so oder so dort, kapiert? Und es ist ein Himmel mit allem, was für Finnen dazu gehört. Sauna, grüne Seen und jede Menge Stille und Stechmücken.

Mättu war Finne, das weiss ich sicher. Nicht nur weil er zum Nachnamen Saleme hiess. Auch weil er mir ab und zu von Finnland erzählte. Ich erzähle Dir jetzt etwas, begann er dann jeweils, erzählen hilft mir beim Vergessen. Und er hat dann auch wirklich nie etwas zweimal erzählt, wie das andere Alte oft tun. Nicht einmal, wenn man ihn darum bat. Irgendwie war das für ihn wie ein letztes Abspielen einer Schallplatte, die er danach verschenkte. Wie ein Leeren seines Speichers.

Ich erzähle Dir jetzt etwas. Es war an einem Spätsommerabend in einer einsamen Bucht, wo meine Familie damals ein kleines Sommerhaus hatte. Ganz selten ging jemand von uns hin. Ich war damals gerade einmal achtzehn, wie Du jetzt, und schon sehr lange nicht mehr dort gewesen. Die Türe klemmte und ein Baum war auf das Dach gefallen und hatte ein Fenster eingedrückt. Und dann erzählte er mir eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ich hasse Liebesgeschichten, weil sie alle erfunden und erstunken und erlogen sind, aber seine war schön und ich hatte trotzdem keinen Zweifel daran, dass sie wahr war.

Ich könnte mir noch heute die Haare ausreissen, dass ich diese Geschichte, die mir Mättu an jenem Tag erzählte, nicht aufgeschrieben habe. Nur diese eine. Der Rest seiner Geschichten war Alltag. Oder dann waren es so exotische Erlebnisse, dass sie wie im Kino wirkten und ich habe sie nicht ernst nehmen können. Mättu erzählte viel von Finnland, obwohl er wahrscheinlich höchstens ein Sechstel seines langen Lebens in seiner Heimat verbracht hatte.

Mättu hiess natürlich nicht Mättu. Mättu nannten sie ihn erst hier in Bümpliz, wo er sich niedergelassen hatte, als er bereits ein alter Mann war. Die Berner machen das mit allen Namen. Sie stülpen ihre blödsinnigen Abkürzungen drüber. Sie meinen es nicht bös, ganz im Gegenteil, aber es hat mich immer aufgeregt. Mättu selber hat es offenbar nicht gestört.

Soll ich Dir Mathias sagen? Fragte ich ihn, als ich ihn das erste Mal besuchte. Ist mir egal, antwortete er, und ich dachte na wunderbar, da haben sie mir ja wieder einen echten Griesgram zugeteilt. Aber Du heisst doch sicher Mathias, oder? Weiss doch nicht, sagte er. Und da ist mir das ganze Ausmass seiner Vergesslichkeit klar geworden.

Auf seinem Totenschein stand dann Mathias Saleme. Geboren am 22. März 1904 in Rovaniemi, Finnland. „Mättu Salem! – verstehst Du, Junge?“ brüllte mich bei einem meiner Besuche ein schwerhöriger Alter an, während er Mättu viel zu stark auf die Schulter klopfte. „Das ist unser Mättusalem, der stirbt nie.“

Ich musste in der Leichenhalle ein paar Papiere unterschreiben, weil offenbar an diesem Tag sonst keiner aufzutreiben war, der für Mättu irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war wahrscheinlich der, der mit Abstand am meisten von ihm wusste, aber ich hatte keine Ahnung, ob es in Finnland allenfalls noch irgendwelche Verwandte von ihm gab. Es kann ja sein, dass er Kinder und Grosskinder hat, aber das hatte er offenbar bereits meinem Vorgänger erzählt, und wenn ich ihn darauf ansprach, kam nichts mehr aus ihm raus, weil in diesem Teil seines Speichers nichts mehr war. Ausgeräumt, abgestaubt, Türe zu.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Kein Ahnung. Vielleicht weil ich neulich in der Zeitung einen Artikel gelesen habe, wonach die Schweizer weltweit durchschnittlich am zweitältesten werden. Es nervt mich ein Bisschen, dass die Schweizer jetzt auch noch am zweitältesten werden. Das Bruttoeinkommen pro Kopf hätte gereicht.

Und Durchschnitte finde ich sowieso mühsam. Ich bin jetzt 19 und ich habe in meiner Freizeit nun bereits fünf Alten Gesellschaft geleistet, damit sie nicht alleine vor sich hinstarren müssen, wenn möglich in einem fremden Land, wo man ihren Vornamen verstümmelt hat. Von den fünf waren nur zwei einigermassen originell und drei haben schlecht gerochen, was nicht ihre Schuld war. Ist der Durchschnitt der Alten, denen ich zugehört habe, nun langweilig und übelriechend?

Es sei wegen den Erfolgen im Kampf gegen Tuberkulose und Krebs, dass die Leute immer älter werden, stand im Artikel. Aber Mättu starb nicht an einer Krankheit. Mättu starb auch nicht, weil er alt war. Obwohl er ja sehr alt war. Mättu starb, weil er fertig vergessen hatte.

In Island werden sie am ältesten, Mättu. Wenn die pensioniert sind, sitzen sie an einen Geysir und werden alt. Es hat etwas mit Sickerwasser zu tun. Und Magma. Aber das musst Du nicht mehr vergessen.

Kein Betreff

27. April 2014

Hier geht es um nichts. Man braucht mindestens einen Adressaten, aber nicht notwendigerweise einen Betreff. Man braucht nicht einmal einen Inhalt. Wollen Sie die Nachricht trotzdem versenden? ABER SELBSTVERSTÄNDLICH! Entscheidend ist ohnehin die Zahl und Identität der Einkopierten. Der Hauptadressat ist ein Alibi, ein Platzhalter. Er ist gar nicht gemeint, entweder längst gestorben oder total unfähig, die Nachricht zu verstehen. Seit Jahren kommt das selbe Out of office zurück: „Ich bin im Moment überfordert und habe nur sporadisch Zugriff auf mein Hirn. In dringenden Fällen können Sie sich selber beeilen.“

Die Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine sei ein Krieg der Lügen, titelt heute eine renommierte Schweizer Zeitung, berichtet dann aber lediglich zu Beginn des Artikels von „einer Reihe von unbeholfenen Versuchen der ukrainischen Regierung, Tatsachen und Beweise zurechtzubiegen“. Der Rest des Artikels ist dann fast ausschliesslich den üblen Machenschaften des russischen Propagandaapparats gewidmet. Der geneigte Leser versteht natürlich sofort: auf der einen Seite ein paar unbeholfene Versuche („Lasst das doch bitte, Kinder!“), auf der anderen ausgewachsene Propagandalügen, mit denen eine militärische Intervention vorbereitet wird. Kennen wir. Natürlich wird auch noch erwähnt, dass die sich in Russland Propaganda gewöhnt sind. Die kennen nichts anderes. Die glauben das alles und gerne.

Wenigstens wird in einem Kasten noch der einen oder anderen historisch verbrieften Kriegs-Lüge gedacht, mit der angesehene westliche PR-Firmen für gutes Geld die Unterstützung der westlichen Öffentlichkeit für Kriege im Mittleren Osten und auf dem Balkan fabriziert haben. Gestellte Bilder, gefälschte Interviews. Alles sehr professionell angefertigt, von PR-Firmen, die auch heute, nachdem ihre Lügen erwiesen sind, souverän und erfolgreich in über 50 Ländern tätig sind und weiterhin für jeden zahlungskräftigen Auftraggeber absolut glaubhafte Realitäten produzieren, die – was für eine Überraschung! – wunderbar in unser Weltbild passen. Hier gut, dort böse. Hier Betty, dort Bossy. Guten Appetit allerseits.

Die Welt ist ein Unding, seit sie in unser Blickfeld gerückt ist und wir überall gleichzeitig hinschauen müssen. Wer dann nur rasch hinschaut, und wir schauen aus Zeitgründen überall nur rasch hin, kann sich flüchtig täuschen. Kann man den PR-Agenturen vorwerfen, dass sie so gut sind? Auch die Werber sind ja mittlerweile nicht schlecht. „Stay Home! – Die ideale Flüchtlingspflege für ihr Gesicht.“

Wer ist Schuld für all die Lügen? Der Lügenbildner oder der Auftraggeber? Oder sind wir es am Ende, stets bereit, zu glauben, was wir glauben wollen? Sind wir gezwungen, mit Regierungen zu leben, die uns einmal angelogen haben? Es gibt ja mittlerweile eine vom Westen als gesellschaftsfähig deklarierte Form, gewählte Regierungen loszuwerden. Man protestiert, lässt unter gütiger Mithilfe der Ordnungshüter eskalieren und fertig ist der gerechte Volksaufstand. Vorausgesetzt natürlich, dass sich die wegprotestierte Regierung gegen Osten orientierte oder islamistisch ausgerichtet war.

Haben wir keine andere Wahl, als mit PR-Agenturen weiter zu arbeiten (in über 50 Ländern!), die uns erwiesenermassen hinters Licht geführt haben? Würden zu viele Arbeitsplätze verlorengehen, wenn wir damit aufhören würden, sie dafür zu bezahlen, uns zu belügen?

Oder wäre es schon ein Fortschritt, einzusehen, dass wir nicht das Weltgeschehen verfolgen, sondern dessen Bild, das uns die Medien und PR-Agenturen im Dienst der Mächtigen präsentieren?
Man ist dort, wo man hinschaut. Aber es kommt darauf an, woher.

Vielleicht sollten wir uns auf die ungeschminkte Unterhaltung konzentrieren. Auf Youtube hat man an guten Tagen die Wahl zwischen Füchsen auf dem Trampolin und einem furzenden Hund. Ausser man lebt zum Beispiel in der Türkei und Youtube ist gerade mal gesperrt. Ich hoffe, die Füchse halten durch. Wildschweine haben letztes Jahr schwimmend den Bosporus überquert. Im Mittelalter wäre das von den Chronisten als böses Vorzeichen auf Pergament festgehalten worden. Heute geht es in der Medienflut unter, bevor die armen Schweine das andere Ufer erreicht haben.

Käpt’n Kirk ins Logbuch von Raumschiff Entenscheiss: Entfernen uns mit dreifacher Gichtgeschwindigkeit von jeglicher Vernunft. Alle im Raumschiff werden beängstigend schnell älter, obwohl das bei dieser Reisegeschwindigkeit All-auswärts eigentlich gar nicht möglich ist. Sind wir in der falschen Richtung unterwegs? Scotty hat einen läppischen weissen Bart und behauptet, das sei auf der Erde momentan gross in Mode. Spock wachsen widerliche Haare aus den Ohren. Er will es nicht wahrhaben und weigert sich, in den Spiegel zu schauen. Ich mache mir ernsthafte Sorgen über den Geisteszustand meiner Crew. Der diensthabende Arzt hat bei einem Teil der Besatzung eine galoppierende Altersverblödung festgestellt, den anderen Teil hat er unter Quarantäne gestellt, bevor er ohne Helm einen Ausflug ins All unternahm, um Küchenkräuter zu pflücken. Es ist einsam geworden auf der Brücke. Ich habe begonnen, mit mir selber zu sprechen. Over and out.

Die Nudelprobe

6. Februar 2014

(von lila Lippen, Karls Knochen und unaufgeräumten Gedanken)

Ich hätte sie Ihnen hier gerne gezeigt, aber ich kann die verschiedenen Fälle leider nicht mehr rekonstruieren. Gut, ich könnte schon, aber es wäre sehr zeitaufwändig. Entweder rekonstruiere ich, oder ich schreibe. Pardon: aber für beides fehlt mir die Zeit. Das ist, fällt mir gerade auf, vermutlich genau das Dilemma der Tagesjournalisten. Sie stehen jedes Mal vor der Entscheidung: recherchiere ich jetzt oder schreibe ich einen Artikel?

Ich habe nie verstanden, wie man einer Publikation trauen kann, die jeden Tag ihr Datum wechselt und spätestens nach ein paar Tagen die Themen. Die Türkei war eine Zeit lang ein beliebtes Thema in den Schweizer Tagesmedien. Viel oberflächliche und unechte Aufregung über Polizeigewalt, Korruptionsskandale, Justizmanipulation. Dann ging es in der Ukraine los, und die Türkei verschwand aus den Schlagzeilen. Macht mal ohne uns weiter, Jungs, wir sind kurz in der Ukraine.

Was ich nicht mehr rekonstruieren kann, ist Folgendes: Vor ein paar Wochen ist mir in der E-Paper Version der NZZ ein interessantes Phänomen begegnet. Gleich dreimal innerhalb weniger Tage. Da war zum Beispiel der einzige Mensch, der je aus einem nordkoreanischen Straflager entkommen sein soll. Auf dem Bild in der E-Paper Version hatte er lila geschminkte Lippen. Sah etwas seltsam aus.

Wenn man das Bild dann anklickte, um es zu vergrössern, hatten seine Lippen wieder normale Lippenfarbe. Lila – normal. Lila – normal. Verstehen Sie? Wer sich an diesem Tag lediglich durch die Seiten klickte, dachte ich, oder nur den Artikel anklickte, um ihn zu lesen, nicht aber das Bild, würde einen Mann mit lila Lippen in Erinnerung behalten. Oder war es eine seiner Tarnungen auf der Flucht?

Bei einem anderen Artikel ein paar Tage zuvor – keine Ahnung mehr, worum es ging – war es sogar so, dass das Bild, das man anklickte, in der Vergrösserung ein anderes war. Dieselbe Person, sogar eine ähnliche Pose, aber eindeutig ein anderes Bild. Und dasselbe Phänomen noch einmal ein paar Tage zuvor, ich weiss auch da nicht mehr, um wen oder worum es ging. Bild, Klick, anderes Bild. Eine geheime Botschaft des amerikanischen Geheimdiensts? Oder die harmlose Spielerei eines Aushilfs-Bildredaktors, der eine Dissertation über „Wahrnehmung auf den ersten und zweiten Blick“ schreibt?

Vielleicht werden wir es in ein paar Jahren erfahren, wenn das Internet bis in seine Untiefen erforscht wurde und alle seine Geheimnisse Preis gegeben hat. Es bleibt ja nichts unentdeckt. Alles wird andauernd gründlich untersucht und analysiert. Bloss hat leider keiner Zeit, sich die Ergebnisse anzuschauen. Nur bruchstückhaft und nach dem Zufallsprinzip kriegen wir Laien ab und zu etwas mit. Ob das dann auch wesentlich oder wahr ist?

Wissenschaftler, so las ich neulich, halten die im Aachener Dom aufbewahrten Knochen Karls des Grossen für echt. Da bin ich als Mediävist echt beruhigt und auch der Aachener Tourismusdirektor zeigte sich in einer ersten Stellungnahme erleichtert. Es hätte Jahre gedauert, um sich bei allen Touristen zu entschuldigen.

Die Echtheit der Knochen wurde in 1988 begonnenen Forschungsarbeiten eruiert, deren Ergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden. Die Forscher wollen unter anderem festgestellt haben, dass Karl tatsächlich gross war. Stattliche 1,84m. Womöglich nannte man ihn deshalb „den Grossen“. Als nächstes soll nun der Totenschädel von Heinrich dem Liederlichen unter die Lupe genommen und das Ergebnis verfilmt werden.

Als willkommenes Nebenprodukt der langjährigen Forschung an Karls Knochen sei hier noch die Erkenntnis erwähnt, dass nun endlich auch die Existenz des Aachener Doms als gesichert gelten darf. Es handelt sich um ein mehrheitlich in Stein gehaltenes, sakrales Bauwerk („Dom“) mitten in der Stadt Aachen. Daher vermutlich auch der Name „Aachener Dom“.

Karl der tatsächlich Große liess den Zentralbau gegen Ende des achten Jahrhunderts als Kern seiner Pflanzanlage (später wegen dem Abschreibfehler eines Mönchs „Pfalz“ genannt) errichten. Geplant war ursprünglich auch eine grosszügige Tiefgarage, aber der rot-grüne Aachener Stadtrat verweigerte dem Kaiser die Baubewilligung und die beiden Forscher wurden beim Verlassen des Doms von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sie befinden sich in psychologischer Betreuung.

So bleiben viele Fragen im Umfeld von Aachen und Karl dem Grossen vorläufig unbeantwortet. Dass Karl der Grosse im hohen Alter hinkte, wie der fränkische Biograf Einhard hartnäckig behauptete, können sich die Forscher auf Grund Ihrer Forschungsergebnisse zwar vorstellen (es wurden bei Karl neben ein paar alten Münzen Ablagerungen an Kniescheibe und Fersenbein festgestellt), aber beweisen können sie es ebenso wenig wie Karls Behauptung, Einhard hätte geschielt. Karl nannte ihn im kleinen Kreis „Einhard mit dem Silberblick“ und liess ihn wegen übler Nachrede in Abwesenheit köpfen.

Manchmal weiss ich wirklich nicht mehr, was ich von all dem, was ich den ganzen Tag lese, am Abend noch halten und behalten soll. Beim Kochen gibt es diesen alten italienischen Trick, bei dem man die Nudel an die Wand wirft, und wenn sie da einen Moment kleben bleibt, ist sie gut. Vielleicht sollte jemand so etwas für Zeitungsartikel erfinden. Das meiste wirkt auf mich in letzter Zeit entweder schlecht recherchiert, lächerlich oder falsch erfunden. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein bisschen überlesen.

Im anatolischen Kernland, sagte mir neulich ein Professor, betreten sie ihr Wohnzimmer nur mit Gästen. Den Rest der Zeit wird es sauber und aufgeräumt gehalten. Das hat mich stark beeindruckt.

Meine Gedanken sind oft wirr. In meinem Hirn herrscht vom täglichen Gebrauch ein furchtbares Durcheinander. Vielleicht sollte ich es einmal aufräumen und danach nur noch mit Gästen betreten.

Der lange Marsch zur Bärenwaage

24. Dezember 2013

Zwei Nachrichten haben gegen das Jahresende hin Aufmerksamkeit erregt. Meine wenigstens. Ich kann hier nicht für die Allgemeinheit sprechen. Sie packt gerade die Weihnachtsgeschenke ein. Ein Qualitätsmerkmal wäre das Erregen allgemeiner Aufmerksamkeit ohnehin nicht . Auch ein kahlrasierter Bär, der in Alaska laut furzend durch ein überheiztes Shoppingcenter rennt, erregt für einen kurzen Moment lokale Aufmerksamkeit und schafft es vielleicht sogar in die internationalen Headlines, bevor er notgeschlachtet wird.

Die erste Nachricht lautete, ein chinesisches Raumschiff sei am Samstag, 4. November, auf dem Mond gelandet. In der Bucht der Regenbogen. Eine der schönsten Mondlandschaften, wenn man deutschen Touristen Glauben schenken will. China sei somit, nach den USA und der ehemaligen Sowjetunion, die dritte Nation, die dem Mond einen Besuch abgestattet habe. Schon acht Minuten später seien erste Bilder vom Mond gesendet worden. Fotostream, Cloud, Facebook. Twitter und so weiter. Landesweites Korkenknallen.

41 Jahre nach der letzten Landung eines bemannten Raumschiffs (Apollo 17) und 37 Jahre nach der letzten Landung auf dem Mond überhaupt (eine sowjetischen Raumsonde), sollen nun also auch die Chinesen den Mond erreicht haben. Unterstützt von der ESA, wie in europäischen Medien betont wird. Internationale Zusammenarbeit anstatt Wettlauf. Anders geht das heute nicht mehr, sagen uns die Experten. Auch auf dem Mond gilt nun: Dabeisein ist wichtiger als siegen. Sagen sie.

China verfolge, so liest man, wenn man trotz aller Harmonie noch etwas weiterliest, seit vielen Jahren ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm. Kooperativ ehrgeizig, nehme ich an. Für 2020 sei der Bau einer Raumstation geplant, die nach dem Auslaufen der Internationalen Raumstation ISS möglicherweise der einzige bemannte Aussenposten im All sein werde. Mit einem Satellitennetz baue China zudem ein eigenes globales Navigationssystem auf. Houston, we have a ploblem.

Die zweite Meldung betraf Bolivien. Und wieder China. Tut mir leid. Da führt momentan kaum ein Weg dran vorbei. Jeder ist heutzutage für eine Viertelstunde Chinese.

Bolivien habe am 21. Dezember mit Hilfe einer chinesischen Trägerrakete des Typs „Langer Marsch“ seinen ersten Kommunikationssatelliten in den Weltraum gesandt. konnte man in einer knapp gehaltenen Agenturmeldung lesen. Das Ding soll 5,3 Tonnen schwer sein und den Namen eines indianischen Aufständischen gegen die spanische Kolonialherrschaft im 18. Jahrhundert tragen. Tupac Katari. Dabei dachte ich, die würden 2020 die Fussball-WM veranstalten. Falls beim Stadionbau nicht alle verdursten.

Der Start der Trägerrakete sei in der bolivianischen, tschuldigung: chinesischen Provinz Sichuan erfolgt und dort vom bolivianischen Präsidenten Evo Morales als Beweis für die Unabhängigkeit seines Landes gefeiert worden sein. China habe den Grossteil der Kosten des Projektes (läppische 300 MillionenUS$) finanziert. Vor Bolivien hätten, war weiter zu lesen, in Lateinamerika schon Argentinien, Brasilien, Ecuador und Venezuela Satelliten lanciert. Als Beweis für ihre Unabhängigkeit, nehme ich an. Von den USA. Neben China. Gegen die FIFA. Was weiss ich.

Ich war mal ganz kurz in Bolivien, als ich noch Haare hatte. Hat mir gefallen dort. Dass es den Menschen damals besonders gut gegangen wäre, habe ich nicht in Erinnerung. Dort, wo ich nach zwei eher abenteuerlichen Flügen mit souverän gewarteten Flugzeugen (Hältst Du mir mal den Schraubenzieher, bitte?) gelandet bin, im tropischen Department Beni, ging es ihnen aber auch nicht extrem schlecht, damals. Wenigstens in meiner Erinnerung nicht. Wer reife Früchte wollte, griff in den Baum, wer Fisch mochte, schoss in den Fluss. Ist wahrscheinlich alles anders heute. Wer will heute noch Kugeln verdauen.

Ob ein eigener Kommunikationssatellit jetzt gerade das Allerdringendste war, was sich die bolivianische Bevölkerung zu Weihnachten wünschte, kann ich nicht beurteilen. Steht mir auch nicht zu. Das wird einem ja dann sofort als postkolonialistische Bevormundung ausgelegt, obwohl ich nie Kolonien hatte.

Natürlich sollen die die allerneuste Technologie haben. Kann niemand etwas dagegen haben. Hat ja auch up front nichts gekostet. Und klar verstehe ich, dass die nicht noch die nächsten zehn Generationen im Hinterhof der Amis dahindämmern wollen ohne eigenen Kommunikationssatelliten. Das geht überhaupt nicht. Wer nicht abgehört wird, ist heutzutage überhaupt nichts mehr wert. Nur frag ich mich halt, ob das mit der Unabhängigkeit auf diese Weise wirklich klappen wird. So mit den Chinesen und so.

Nicht dass es eine Schande wäre, sich von ihnen finanzieren zu lassen. Die finanzieren ja mittlerweile halb Afrika und seit Längerem die amerikanische Währung und somit irgendwie auch die NASA, General Motors und die koschere McDonalds-Filiale in der Abasto Shopping Mall in Buenos Aires. Und natürlich auch indirekt die NSA. Aber lassen wir das. Das wird hier sonst echt zu kompliziert.

Fragen wir uns lieber, ob das alles auch wirklich stimmt so. Das mit dem bolivarischen Nachrichtensatelliten und der chinesischen Mondlandung. Stimmt überhaupt irgendetwas, was ich im zu Ende gehenden Jahr nicht selber nachprüfen konnte, weil ich zu beschäftigt war?
Ich wollte den Bären, der am Anfang des Textes durch das Shoppingcenter rannte (er furzte übrigens nicht – das war billige Effekthascherei, für die ich mich entschuldige), mit dem Satelliten vergleichen, um zu entscheiden, was schwerer wiegt.

Zwanzig Sekunden seriöse Recherche im Internet (ein Blick auf das Google-Resultat für „Gewicht eines Grizzlybären“) haben ergeben, dass ein Grizzlybär bis 220, bis 450 oder bis 780 Kilo schwer werden kann. Der Unterschied ist nicht, ob er bereits sauber rasiert, erst eingeschäumt oder noch ganz unrasiert ist. Der Unterschied besteht einzig in der Konsultation von drei verschiedene Websites. Damit kann ich nun wirklich wenig anfangen. Und das gibt mir zu denken, denn mehr als zwanzig Sekunden haben wir ja selten zur Verfügung, um wenigstens im Internet den virtuellen Realitycheck zu machen.

Ist irgendetwas, was wir nicht selber miterlebt haben, überhaupt einigermassen nachprüfbar, bevor wir es weitererzählen? Und da wir offenbar längst alles glauben, ohne es zu sehen, warum werden wir nicht wenigstens selig dabei?

Irgendjemand sollte dringend eine taugliche Bärenwaage erfinden. Nicht nur wegen der offenbar netzauf-netzab herrschenden Unklarheit, was das Gewicht von Grizzlybären angeht. Es wäre auch für die Diätpläne der Bären eine tolle Sache, sich an allgemein gültige Richtwerte halten zu können. Sonst fressen die auch nächstes Jahr ungezügelt weiter, als hätte sie noch nie etwas von zu hohem Blutdruck und beginnendem Blutzucker gehört. Reiss Dich zusammen, Yogi! Es kann so nicht weitergehen.

Auch für uns Zeitungsleser wäre es nützlich, wenn es verlässliche Bärenwaagen gäbe. Nur schon um abschätzen zu können, wie schwer das Exemplar ungefähr ist, das man uns gerade aufbinden will.

Chinesen auf dem Mond. Wirklich gut. Boliviens eigener Kommunikationssatellit. Auch nicht schlecht. Mit Hilfe trägerloser chinesischer Raketen, die randloses Bräunen endlich auch auf dem Mond ermöglichen. Und alles fremdfinanziert, im Namen der Unabhängigkeit durch internationale Zusammenarbeit. Und von der FIFA selbstlos vermarktet. Gefällt mir ausgezeichnet. Ich kaufe das so. Ich will das unter meinem Christbaum.

Euch, liebe Leserinnen und Leser, entlasse ich hier. Der Text war ein wenig zu lange, ich weiss. Ich hätte allerdings noch weiter schreiben können. Bloss muss ich jetzt noch in den Schlussverkauf und danach noch rasch zum Mond. Nächstes Jahr will ich in die Unabhängigkeit und nach Bolivien, wo ich mich mit Chinesen treffen werde, die aussehen wie Sepp Blatter.