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Fünf Reaktionen auf eine Zeitungsmeldung

24. November 2013

(oder warum bei mir immer alles so lange dauert)

Unsere Wahrnehmung besteht zu grossen Teilen aus vermischten Meldungen und unser Leben ist ein hektisch geschnittener Episodenfilm, in dem wir nur noch am Rande vorkommen. Die Vorstellungen davon, was ein gutes Leben sein könnte, gehen in Mitten dieser Hektik auseinander, ohne zu vereinbaren, ob und wann man sich wieder trifft.

Neulich war in einer renommierten Zeitung zu lesen, dass gemäss einer Umfrage jede siebte junge Brasilianerin bereit wäre, einen Viertel ihrer Intelligenz zu opfern, um einen Viertel schöner zu sein. Die Zeitung schloss daraus, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, und daraus würde sich auch erklären lassen, warum sich in Brasilien so viele Frauen unters Messer legen.

Meine erste Reaktion beim Lesen dieser Mitteilung war die in unserem Kulturkreis anerzogene und unter Gebildeten unweigerliche: ich rümpfte meine nicht operierte Nase ab so viel Borniertheit. Wir bestehen darauf, auf innere Werte zu stehen, und sogar Schönheit muss, wenn sie richtig beneidet werden will, natürlich sein und von innen kommen.

Meine zweite Reaktion war die Macho-Reaktion. Sorry, Ladies. Auch ein milder Mann ist nie ganz davor gefeit. Vor meinem in ungestraffte Falten eingebetteten geistigen Auge tanzten fröhlich singende, leicht bekleidete brasilianische Karnevalsdiven vorbei, denen ich nachschaute und angesichts ihrer Kurven auch nachzusehen gewillt war, dass sie vielleicht nicht allzu intelligent waren.

Meine dritte Reaktion war die des sorgfältigen Zeitungslesers, der ich sein möchte. Ich las die kurze Pressemeldung noch einmal und stellte fest, dass nicht alle Brasilianerinnen bereit waren, einen Teil ihres Hirns gegen einen grösseren Hintern einzutauschen. Jede siebte Brasilianerin, stand da geschrieben, also weniger als 15%. Wie die sonst als seriös geltende Zeitung daraus schliessen konnte, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, war mir nun schleierhaft.

„Weniger als 15% der jungen Brasilianerinnen geben zu Protokoll, dass ihnen Intelligenz weniger wichtig ist als Schönheit.“ So formuliert, wäre das für die brasilianische Frau eine eher positive Meldung gewesen. Ich vermute, dieser Wert wäre bei Umfragen unter westeuropäischen Frauen nicht viel tiefer ausgefallen, wenn überhaupt.

Ich vermute ebenfalls, dass eine ähnliche Umfrage unter Männern (15% Hirn gegen 15% Schönheit, Körpergrösse, Muskelmasse, Penislänge – gewünschtes bitte Ankreuzen) nicht grundlegend anders ausgefallen wäre. So austariert hätte die Meldung aber deutlich an News-Value verloren, weil sie weder negativ noch diskriminierend sondern höchstens ein Bisschen ernüchternd ausgefallen wäre.
Wir hätten die Meldung so gar nie gelesen, weil wir sie nicht hätten lesen wollen und sie deshalb gar nicht erst gedruckt worden wäre.

Dann war da noch meine vierte Reaktion. Die Reaktion des mit der Problematik von Umfragen und Statistiken einigermassen Vertrauten, der ihnen deshalb nur sehr beschränkt vertraut. Mit der richtigen Fragestellung lässt sich fast jedes Umfrageziel erreichen und mit der richtigen Auswahl der Befragten auch das Gegenteil. Man sollte deshalb aus Prinzip keinen Umfragen und Statistiken trauen und am besten auf Anhieb überhaupt nichts glauben. Die Default-Einstellung müsste sein: Die lügen. Die manipulieren. Die machen mir etwas vor.

Eher als mit Churchill, der bekanntlich dazu riet, nur Statistiken zu vertrauen, die man selber gefälscht hat, halte ich es ganz generell mit Bertrand Russell, der dazu auffordert, sich selber nicht blind zu vertrauen. Er hat Recht. Ich bin stets auf der Hut vor mir. Wahrscheinlich täusche ich mich gerade jetzt, habe mich immer wieder getäuscht, werde mich weiterhin täuschen.

Bertrand Russell war ein weiser Mann. Nur Idioten, hat er einmal festgehalten, können sich rasch entscheiden. Intelligente Menschen brauchen mehr Zeit, weil sie abwägen müssen, weil sie Zweifel haben, auch an ihrem eigenen Urteilsvermögen.
Diese Feststellung lässt sich auch auf die erwähnte Zeitungsmeldung anwenden. Dem Vollidioten ist sofort klar: Brasilianische Frauen wollen und brauchen kein Hirn. Für uns Halbidioten ist es ein Bisschen schwieriger.

Habe ich meine fünfte Reaktion auf die kurze Zeitungsmeldung schon erwähnt?
Ich habe mich gefragt, ob es wirklich so bekloppt ist, wenn jemand, falls man wählen könnte, lieber schön als intelligent ist. Was, wenn das Plus an Schönheit tatsächlich zu einem Plus an Zufriedenheit oder sogar Glück führen würde?
Sind wir dann nicht vielleicht ein wenig arrogant und vorschnell, wenn wir das Streben nach Schönheit als oberflächlich und dumm abtun?

Und dann habe ich mich gefragt, was ich antworten würde, wenn mir einer auf der Strasse entgegenkommen würde, offensichtlich ein Student mit einem iPad auf dem Arm, und ich hätte es nicht geschafft, ihm rechtzeitig auszuweichen, und er würde mir sagen, er sei von einem Meinungsforschungsinstitut und ob ich bereit wäre, auf 15% meines Hirns zu verzichten, wenn ich dafür 15% glücklicher würde.

Meine Antwort wäre ja. Ohne zu zögern. Und ich weiss ganz genau, was Sie jetzt von mir denken, denn Sie denken zu viel. Ich wünsche Ihnen einen intelligenten Tag.

Gelegenheit macht Frieden

26. Juli 2013

(über Abgeschriebenes, keimfreies Töten und Gelegenheitsfenster)

Erstaunlich eigentlich, dass wir weiterhin brav jeden Tag Zeitung und Internetnews lesen, bei all dem wiedergekauten Gefasel, das man uns täglich serviert. Aus Spargründen setzen die Medien immer weniger Korrespondenten ein, die sich vor Ort informieren. Immer öfter jonglieren gut angezogene, smarte Berufsleute in den heimischen Redaktionen so lange mit Agenturmeldungen und Wikipedia, bis sie selber glauben, einen authentischen Artikel über ein Ereignis in einem fernen Land verfasst zu haben. Ein guter Tag war das. Ab in die Tapas Bar!

Das ganze macht ja, wenn man es sich in der Sommerhitze und ohne Kopfbedeckung lange genug überlegt, absolut Sinn. Wir leben im Zeitalter, wo ganz normale eight to five Büroangestellte irgendwo in Virginia am Computer sitzen und Drohnen in Afghanistan per Mausklick ihre tödlichen Raketen abfeuern lassen, bevor sie (Oh my God, how time flies!) gegenüber in der Mall ein leckeres Sandwich und einen Double tall skimmed latte zum Lunch holen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war richtige Menschen töten so abstrakt und keimfrei möglich. Wenn man diesen fürchterlichen Fortschritt mit dem Trend zur Heimarbeit zusammenbringt, die irgendwann das einzige taugliche Mittel gegen das Verkehrschaos sein wird, wird die Perversität noch offensichtlicher.
„Lunch, Darling! The kids are waiting already“.
„Coming, sweetheart! I’ll just quickly finish off some terrorists, OK?“
“No problem, honey. Don’t forget to wash your hands“.

Aber zurück zu den Medien. Die Redaktionen sind nicht die einzigen, die uns regelmässig mit Unrecherchiertem abspeisen. Auch den Auslandkorrespondenten sollte man nicht ausnahmslos und unbesehen alles glauben. Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wie einer in Beirut sitzen kann, und von dort aus locker den Puls der israelischen oder palästinensischen Psyche fühlt. Oder wie einer aus Athen freihändig über die Türkei berichtet und bei Bedarf ganz präzise beschreiben kann, wie ein Angstfurz eines Demonstranten auf dem Taksimplatz in Istanbul riecht.

Meistens wird nicht selber Beobachtetes oder Miterlebtes berichtet, nicht einmal durch Konsultation anderer Quellen Verifiziertes, weil es eilt, sondern es wird dem Leser Gelesenes oder Gehörtes weitergereicht, weil die Quelle offensichtlich an den gleichen Gott glaubt. Man kennt sich ja und weiss mit der Zeit, wer für welche Sache einsteht und wer gegen wen ist, was immer der auch tut.

Vorläufig lassen wir es offenbar so durchgehen. Momentan befinden wir uns in der Phase, wo höchstens ab und zu eine Dissertation oder eine Mastersarbeit einer Persönlichkeit aus der Politik mit einem Textprogramm überprüft wird, um dann schockiert festzustellen: Unerhört! Göthe hat abgeschrieben. Schiller vielleicht auch, aber der steht noch auf keiner Abschussliste.

Irgendwann, ich nehme an morgen, denn heute geht alles viel schneller als gestern, wird es extrem effiziente Überprüfungsprogramme für die Tagespresse geben. Programme, die sich jeder als Gratis-App herunterladen kann. Das Resultat wird ernüchternd sein.

Das ist jetzt überhaupt kein Vorwurf an das Berufsbild des Journalisten. Ich behaupte dasselbe auch für die Mehrzahl der Berichte von uns Diplomaten. Nur haben wir etwas mehr Zeit, um die Sätze sorgfältig umzustellen, weil wir nicht im Tagesjournalismus sind. Und wir formulieren aus Erfahrung grundsätzlich so, dass uns später niemand Tatsachen vorwerfen kann. Es könnte aber durchaus auch sein, dass. Es würde trotzdem nicht überraschen, wenn. Möglicherweise wird. Möglicherweis aber auch nicht.

No hard feelings, liebe Journalisten. Ich weiss, dass ihr euch jede erdenkliche Mühe gebt. Die meisten von euch jedenfalls. Trotzdem tut es mir weh, wenn ich Titel wie „Jetzt oder wohl nie mehr“ sehe, und wenn ich dann den Artikel anlese, geht es doch tatsächlich um den Nahostkonflikt und Kerrys neuste Initiative.

Es gibt Wortkombinationen, hat einmal ein kluger Mann irgendwo geschrieben, die sollte jede marktübliche Textverarbeitung automatisch löschen. Dazu gehört ganz sicher die Kombination von „Nahostkonflikt“ und „letzte Chance“. Eine Software, die diese Begriffe auf der gleichen Textseite entdeckt, müsste die Seite automatisch löschen. Meine hier wäre dann auch gleich gelöscht worden. Damit könnte ich leben.

Ich habe einen Geschäftsmann erfunden, der unterdessen mit der genialen Idee stinkreich geworden ist, im Mittleren Osten Windows of Opportunity zu verkaufen. Mit Doppelverglasung und Vorhängen in verschiedensten Mustern. Leider hat das viele Geld seinen billigen Charakter verdorben. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und lebt heute als armselige Randfigur in einem Schundroman.

Wie übersetzt man eigentlich Window of Opportunity? Gelegenheitsfenster? Wahrscheinlich. Macht ja auch Sinn. Jetzt versteh ich auch endlich das Sprichwort „Gelegenheit macht Frieden“.

Der aller erste erste August

25. Juli 2013

(mein Textprogramm, der Nationalfeiertag, die Demokratie und ich)

Es ist ärgerlich. Das Textprogramm hat das zweite erste mit einer roten Wellenlinie unterlegt. Gleich im Titel. Es hält es für einen Fehler. Meinen Fehler. Es möchte, dass ich es lösche. Es meint womöglich, ich sei unkonzentriert, weil es früh am Morgen ist. Dabei bin ich hell wach und angezogen und es ist alles korrekt.

Man kann durchaus von einem aller ersten ersten August schreiben, und kein Textprogramm, das ernst genommen werden will, sollte eine rote Wellenlinie unter das zweite erste legen.
Es gab einmal einen aller ersten ersten August, ob es dem Textprogramm passt oder nicht.

Es hat es schon wieder rot unterlegt. Es ist tatsächlich überzeugt, dass ich imstande bin, aus Versehen zweimal hintereinander dasselbe Wort zweimal hintereinander zu schreiben. Es hält mich für einen Vollidioten. Es hält mich für einen Vollidioten.

Es gab aber einen ersten ersten August. Zweimal sogar. Das erste Mal, als der Monat August kurz vor Christi Geburt von ein paar Römern erfunden wurde, die sich damit bei ihrem ersten Kaiser einschleimen wollten. Das zweite Mal, als der Schweizer Nationalfeiertag zum ersten Mal an diesem Datum gefeiert wurde. Einschleimen mag mein Textprogramm offenbar auch nicht, weder gross noch kleingeschrieben. Das Wort wird rot unterlegt, in der Hoffnung, ich werde es korrigieren.

Mache ich aber nicht. Es gab einmal einen ersten ersten August und es gab – und gibt sie immer noch – Leute, die sich bei ihren Vorgesetzten einschleimen. Sie werden leider nie aussterben. Hingegen wird es irgendwann einen letzten ersten August gegeben haben.

Wenn es einmal die Schweiz nicht mehr gibt. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder. Das ist ein Naturgesetz. Und wir Schweizer lieben die Natur. Wichtig wäre uns dann aber, dass die Schweiz nicht einfach achtlos in den unsortierten Müll geworfen, sondern fachgerecht kompostiert wird, damit daraus wieder Neues entstehen kann.

Es gibt ja bereits verschwundene Staaten. Das heisst, es gibt sie nicht mehr. Sobald ich aus diesem Text raus bin, werde ich „verschwundene Staaten“ googeln. Geschichte. Geografie. Dieser Artikel enthält unvollständige Daten über vollständig verschwundene Staaten. Bitte ergänzen Sie ihn.

Vielleicht sind wir eines Tages schweizmüde. Des Paradieses, das wir in vielerlei Hinsicht sind, überdrüssig. Wollen Sie die Volksinitiative zur Abschaffung der Schweiz annehmen? Ja? Nein? Keine Zeit? Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Aber wisst ihr was? Macht doch, was ihr wollt!

Ich hatte in der Mittelschule einen sehr phantasievollen Freund. Er schrieb eine Geschichte, in der das Stimmvolk beschlossen hatte, die Schweiz an ein zahlungskräftiges Konglomerat aus reichen Golfstaaten zu verkaufen. Jede Schweizerin und jeder Schweizer erhielt drei Millionen in bar.

Gut, ich gebe zu, diese Variante ist eher unwahrscheinlich. Auch schweizmüde Schweizerinnen und Schweizer würden auf den Deal nicht eintreten. Uns fehlt einfach das notwendige Vertrauen, soviel Geld auf einer ausländischen Bank anzulegen. Können die ein Geheimnis für uns behalten? Obwohl das eigentlich gar keine Rolle mehr spielen würde. Ein Konto im Ausland macht wenig Sinn, wenn man keinen Staat mehr hat, dem man die Steuern hinterziehen kann.

Wahrscheinlicher ist, dass es eines Tages den 1. August nicht mehr gibt, weil per Volksabstimmung beschlossen wurde, an einem anderen Datum zu feiern. Wegen der globalen Erwärmung.
Irgendwann war es in den Sommermonaten dermassen heiss und alles so furztrocken, dass beim Feuerwerk jeweils die halbe Schweiz abbrannte. Also beschloss man irgendwann, am 1. Februar zu feiern. Das war dann auch logistisch viel einfacher, weil man das Feuerwerk für die Neujahrsfeier und dasjenige für den Nationalfeiertag gleich zusammen einkaufen konnte.

Der letzte erste August könnte auch durch die Erfindung eines neuen Kalenders entstehen. Es muss ja nicht immer und ewig alles so bleiben, wie es ist. Ob Januar bis Dezember oder sonst irgendwelche Bezeichnungen – was kümmert das den Mond? Namen sind Schall und Rauch.

Und à propos Schall und Rauch: es gibt natürlich noch den persönlichen letzten ersten August. Irgendwann kommt er, ob man es merkt oder nicht.

Mein Textprogramm mag à propos nicht. Mit dem letzten ersten August hat es hingegen kein Problem. Keine roten Wellenlinien. Keine Lampions. Kein Feuerwerk. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend. Lasst uns feiern.

(leben)

18. Juli 2013

Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich ihn hier David nenne. Er hiess nicht so, weil er anders hiess. Was kümmert es jemanden, der ihn nicht kannte, wie sein wirklicher Name lautete? Und die, die ihn kannten und nun vermissen werden, wissen es ohnehin.

Es war einfach so, dass ich beim Schreiben festgestellt habe, dass es mir Mühe macht, ihn D. zu nennen. Wie in den vermischten Meldungen. Also nenne ich ihn bei einem anderen Namen. Seine Spuren verwischen sich nun ohnehin.

Die Nachricht seines Todes erreichte mich heute in einer E-Mail von Michael. Auch er heisst nicht so. Hoffentlich noch lange. Michael schrieb mir aus einem Land, in dem wir alle einst gemeinsam ein paar Jahre verbracht hatten: David, seine Frau Elsbeth, die auch anders heisst, ihr gemeinsamer Sohn, Michael und ich.

David war nicht dort gestorben, sondern in der Schweiz, wo er sich mit seiner Frau, mit der ich zusammengearbeitet hatte, nach ihrer Pensionierung niedergelassen hatte. Ich habe ihn nicht gut gekannt, eigentlich kaum. Aber die wenigen Begegnungen mit ihm haben ihn mir sehr sympathisch gemacht. Er war Brite mit einem wunderbaren Humor. A good fellow. Einmal hatte ich ihm, als er nach einem Unfall lange zuhause bleiben musste, eine Flasche Single Malt ans Krankenbett gebracht und wir hatten zusammen gelacht.

Es tut mir leid, dass er nicht mehr lebt. Und für seine Frau und seinen Sohn tut es mir leid, dass er tot ist. Der Tod ist völlig inakzeptabel. Nichts dürfte so endgültig sein. Ich werde ihnen mein hilfloses Beileid aussprechen.

Was sonst mache ich mit der Nachricht, dass dieser dürre alte Mann mit dem besonderen Humor nicht mehr unter den Seinen weilt? Was fangen wir mit einer solchen Nachricht an?

Wir trauern einen kurzen Moment lang um den Toten. Bis wir merken, wenn wir mit uns ganz ehrlich sind, dass wir eigentlich mehr um uns selber trauern. Dann denken wir einen Moment über den Tod nach, was wir mit ihm schon alles erlebt haben.

Die eigenen Toten ziehen in rascher Bilderfolge vorbei. Dann setzen, jedenfalls bei mir, die Zitate aus Film, Musik und Literatur ein. Ein kleiner Teil davon, was uns von all dem Schrott geblieben ist, was wir über den Tod gelesen, gesehen und gehört haben.

Er wusste nur vom Tod was alle wissen: dass er uns nimmt und in das Stumme stösst. (Rilke)

Oder der Tod, wie er uns in einem Gedicht von Alfred Andersch begegnet: Er liest den Observer. Sein Auge ist weiss.

Es gäbe viel zu zitieren, nur schon aus dem Gedächtnis. Irgendwann lande ich dann immer beim Zitat, das ich aus Kurt Martis faszinierendem Büchlein „Leichenreden“ in Erinnerung behalte:

Traue den Reden des Todes nicht! Seine Dir zugewandte Wahrheit ist das Schweigen. (Ludwig Strauss)

Das beendet dann die Literaturzitate abrupt.

Was bleibt dann noch, nach Trauer und Zitaten?

Das memento mori. Jede Nachricht vom Tod fordert uns auf, das eigene Leben zu beginnen. Sofort. Ohne weitere Verzögerung. Keine Ausreden mehr. Jetzt. Wir nehmen uns vor, es diesmal zu tun (leben). Nicht weiterhin alles und damit uns selber zu verschieben, wegen dem, was uns gerade in Trab hält.

Aber auch dieser Vorsatz hält nur ganz kurz an. Es ist jetzt Mittagszeit. Ich gehe nachhause zum Essen. Am Nachmittag folgen Sitzungen und Termine. Am Nachmittag geht das Leben weiter, ohne neu begonnen zu haben.

Danke für die Nachricht, lieber Michael. Ich melde mich, wenn sie angekommen ist.

Kurz vor dem Verlassen der Grafik

14. Juli 2013

(die Sonde, das Weltall, der Mann)  

Die Raumsonde Voyager 1, so lese ich, unterwegs im Weltall seit 1977, verlässt bald unser Sonnensystem. Ich kann mir darunter, ehrlich gesagt, wenig vorstellen, und ich versuche, mir in meiner Freizeit selber nichts vor zu machen. Es reicht völlig, dass ich in meinem Beruf oft genug so tun muss, als wüsste ich genau, worüber gesprochen wird.  Hier darf ich es sagen: sorry, ich check’s nicht.

Es wird auch nicht besser, wenn ich mir Grafiken anschaue, auf denen die Welt als Punkt dargestellt wird, nicht den Proportionen entsprechend, nur damit man sie überhaupt sieht, und das Sonnensystem geht dann am Rande der Graphik bei einer kreisförmigen Linie artig zu Ende, hinter der angeblich ein neues beginnt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Sonnensystems so zu Ende geht. Schon eher franst es an den Rändern irgendwie aus oder es hat irgendwann einfach genug von der fast endlosen Weite, eine Art Ermüdungsbruch, und macht an der nächstbesten Biegung Halt, legt sich ins Gras, zieht die Schuhe aus. Ende der Galaxie.

Voyager 1, lese ich in der Sonntagszeitung, sendet immer noch Signale aus dem Weltall, reagiert aber nicht mehr auf blosse Zurufe. Ich habe es selber versucht. Es reicht, habe ich der Sonde nachgerufen. Ich hab’s begriffen. Du hast Deinen Punkt gemacht: das Weltall ist unendlich weit und dehnt sich noch weiter aus und ich habe überhaupt nichts geschnallt, noch nie. Weil Männer ohnehin nie etwas begreifen.

Die Sonde, das Weltall, der Mann.

Das sind die Signale, die ich noch immer empfange. Und wenn das Ding mit der Reichweite nicht wäre, würde ich die Hände schalenförmig an den Mund legen und der Sonde nachrufen: „Ich weiss. Es reicht jetzt. Du kannst umkehren.“

Aber ganz so blöd bin ich dann ja doch nicht. Ich weiss, dass sie uns nicht mehr hören kann. Und Umkehren war nie ihr Ding. Bald ist sie 40 und irgendwann wird sie ja wohl vernünftig werden und selber merken, was sie für einen Scheiss gebaut hat. Also winke ich ihr nach. Flieg doch weiter. Verlass doch die Grafik, wenn Du meinst,. dass Dir das gut tut.

Überhaupt. Was geht mich das an?

Unter der Oberfläche herrscht Chaos, lautete neulich der Titel eines Zeitungsartikels. Wunderbar, dachte ich, da hat sich jemand Gedanken gemacht über unseren nie endenden Kampf, dem chaotischen Leben irgendeine wenigstens temporäre Ordnung und damit ein kleines Bisschen Sicherheit und Geborgenheit abzuringen.

Der Titel erinnerte mich an ein Gespräch, das ich vor bald zwanzig Jahren mit der zweiten Ehefrau eines pensionierten Freundes in ihrer Küche in Maryland geführt hatte, während draussen alte Männer Tennis spielten. Alles, was der Mensch versuche, sagte sie ganz gelassen, während sie Kaffeewasser aufsetzte, sei, sich für einen Moment lang in einer möglichst unbeachteten Ecke dieses gewaltigen Chaos ein ganz persönliches Fleckchen Ordnung und Stabilität zu schaffen, wissend, dass unter dem dünnen Boden das Chaos lauert, das jeden Moment durchbrechen und uns hinab reissen kann.

Ich glaube, sie hatte Recht. Und es braucht kein Vulkanausbruch oder Erdbeben zu sein. Manchmal genügt ein Telefonanruf in einen Mittagsschlaf und die Welt ist danach nicht mehr dieselbe.

Es ging dann im Artikel aber nicht darum, sondern letztlich um Banalitäten. Eine Fachkommission hatte der Schweizer Regierung empfohlen, rasch gesetzgeberische Grundlagen für den tiefen Untergrund zu schaffen. Sonst kann ja jeder kommen und ein wenig Erdwärme anzapfen oder ein Bisschen Fracking betreiben, wenn gerade sonst nichts geht. Also wird der Bundesrat wohl nächstens Richtlinien für die Bewirtschaftung des tiefen Untergrunds erlassen. Beide Räte werden die Vorlage im Sitzen diskutieren und wir werden vom Ergebnis – irgendwann gibt es immer ein Ergebnis – laufend Kenntnis nehmen. Vielleicht aber auch nicht. Man kriegt ja gottseidank nicht alles mit.

Ich war 1977, beim Start von Voyager 1, noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und kann beim besten Willen heute nicht mehr sagen, ob ich den Start der Sonde damals mitgekriegt habe. Wahrscheinlich ja nicht, weil darüber nicht im Sportteil berichtet wurde. Meine jüngste Tochter ist seit ein paar Tagen älter als ich damals war. Vielleicht kriegt sie mit, dass die Sonde bald unser Sonnensystem verlässt.  Vielleicht kann sie auch mit der Grafik mehr anfangen als ich.

Ich bin unterdessen schon wieder in einem neuen Land eingetroffen. Ich bin daran, mir seine Eckdaten so gut wie möglich einzuprägen, bevor ich bald einmal das Transfersystem des Ministeriums verlassen werde, in das ich 1987 eingetreten bin. Manchmal ist es ein wenig anstrengend, stets mit dem Rücken zum Land, aber danke, es geht. Man weiss ja auch nicht, was danach kommt. Manchmal erhalte ich schwache Signale von Ehemaligen, die die Grafik bereits verlassen haben. Ich hoffe, ich verstehe sie falsch.

 

 

An einem neuen Ort

28. Mai 2013

Oberflächen sind oft hart. Wer hinfällt, könnte ein Lied davon singen, anstatt zu fluchen. Dass Oberflächen widerstandsfähig sein müssen, leuchtet ein. Die Natur ist wahrscheinlich als sie jung war ein paarmal auf den Kopf gefallen, aber sie hat ihre Schlüsse daraus gezogen und ihn abgehärtet. Wenn Oberflächen weich wären wie Unterflächen, wären sie rasch keine Oberflächen mehr. Sie würden den äusseren Einflüssen nicht lange widerstehen. Aber sie sind über der Unterfläche. Sie sind Oberfläche. Das verhält sich ja auch mit uns Menschen so. Die Haut ist ein Bisschen strapazierfähiger als das Fleisch darunter, unser Verhalten ein wenig cooler als die Befindlichkeit.

Unter der Oberfläche, in unserem Innern, sind wir alle verletzlicher, als wir uns gegen aussen präsentieren. Im Kern sind wir traurige, von einem frustrierten Erwachsenen verratene und verlassene Kinder. Wir warten darauf, dass wir zu uns zurückkehren um endlich wieder zu spielen.

Vor ein paar Tagen habe ich in Kappadokien Höhlensiedlungen und Untergrundstädte besucht, in denen sich in Zeiten erhöhter Gefahr mehr als zweitausend Menschen über Monate hinweg mit Vieh und Kind und Kegel versteckt hielten. Bewohner der Höhlen waren zuerst die Hethiter, die ihre 1000 Götter mit in die Höhlen nahmen, wodurch es eng wurde, und später von den Römern verfolgte Christen, die mit ihrem einen Gott etwas mehr Platz hatten.

Weshalb stürzt das alles nicht ein, habe ich unseren alten Führer gefragt, wo das Gestein doch offensichtlich so weich ist, dass sich jeder müde Hethiter und jede flüchtige Christin im Handumdrehen eine Höhlenwohnung aus dem Berg schnitzen konnte? Halt mir mal kurz das Kind, ich grab uns noch ein Zimmer. Warum sehen wir das alles noch, dreitausend Jahre später, diese ausgehöhlte Landschaft?  Weshalb hält das so lange? Habt ihr einen Fixierspray?

Der alte Mann war so höflich, dass er sich seine Bestürzung über meine totale Ignoranz nicht anmerken liess. Er erklärte mir geduldig, dass dieses Gestein Mineralstoffe enthält, die mit der Luft reagieren und sich dabei verhärten. Wirklich cool, diese Natur. Cool und hethiterfreundlich. Fair mit den flüchtigen Christen. Wir basteln eine selbsthärtende Oberfläche mit Nura Natura.

Eine andere harte Oberfläche ist mir neulich auf dem kurzen Weg von der Botschaft in die Residenz begegnet. Wenn ich die Treppe nehme, die der Tiefgarage entlang zur Botschaft hinunter führt, gibt es nach dem ersten Treppenabsatz einen Niveauunterschied, eine Art Mini-Stufe, über die ich am Anfang auch bei Tageslicht regelmässig gestolpert bin.

Ich stolpere in unbekannter Umgebung regelmässig. Ich lasse normalerweise kein Hindernis aus. Der erwähnte Vierteltritt scheint mir nun aber besonders tückisch, nicht nur für einen Vielstolperer wie mich. Man erwartet ihn irgendwie nicht. Er sollte da nicht sein. Als ich dann einmal in pechschwarzer Nacht aus dem Büro nachhause ging, bin ich ganz hingefallen, der Länge nach, und habe die Härte der Steinplatten gespürt. Aber es geht mir nicht um das Hinfallen. Wir alle fallen. Darüber zu philosophieren, ist hinfällig. Es geht mir eigentlich auch nicht um die Härte von Oberflächen. Es geht mir ums Stolpern. Ich bin auch anderswo im Garten und auf der Treppe im Innern des Hauses am Anfang andauernd gestolpert. Am meisten beim Treppenabsatz auf halber Höhe zum 1. Stockwerk. Praktisch jedes Mal. Mein Körper fand in seinem Gedächtnis offenbar nichts Passendes, was ihm erlaubt hätte, die besonderen Masse dieses Treppenabsatzes von Anfang an im Griff zu haben. Also stolperte ich und stolperte und stolperte, bis mein Körper die Masse und Dimensionen der neuen Umgebung intus hatte und mich nun dahin schreiten lässt, als wäre ich hier aufgewachsen.

Das automatische Vermessen der neuen Umgebung, dieses sich Einmessen und Eingewöhnen, ist eine Bravourleistung unseres Systems. Ich bin stolz auf meinen Körper. Ich hoffe, er macht so weiter. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Ich füttere ihn mit Süssem. Lass gut sein, sagt er zu mir. Soviel Lob ist ihm peinlich. Er funktioniert ja nur.

Das Ende des Stolperns signalisiert die Ankunft an einem neuen Ort. Du bist angekommen. Schön, dass Du jetzt auch da bist, Walter. Aber vergiss nicht: Stolpern ist ein Warnsignal, das einem bewusst macht, dass man sich auf unbekanntem Terrain bewegt. Wenn das Stolpern aufhört, muss die Wachsamkeit erhöht werden. Wer nicht mehr stolpert, muss aufpassen, dass er nicht fällt.

Überall noch einmal hin

26. Mai 2013

Ich möchte überall noch einmal hin. Sogar da, wo ich gerade bin.

Ich weiss, dass man nicht zurückkehren kann. Und es liegt nicht nur daran, dass man keine passenden Kleider hat. Es ist jedem noch so nostalgischen Deppen klar, dass dort, wo er einst glücklich war, unterdessen schon lange alles anders ist, und selbst wenn es noch genau so wäre wie damals, würde ihn spätestens bei der Ankunft der Blick in den Spiegel auf dem Flughafenklo daran erinnern: Man kehrt nicht zurück.

Weshalb also überhaupt reisen, und wozu dann dieses Gedränge hier? Warum fehlt schon wieder das Papier, um sich die Hände zu trocknen? Soll ich meine Hände etwa in diesen Windkanal stecken? Wer hat das bloss wieder erfunden.

Hätte ich wenigstens die verschiedenen Zettel dabei, auf denen ich mir letzte Nacht all die Dinge notiert hatte, die ich nicht vergessen wollte. Ich hatte die Reise im Traum geplant, weil man es bleiben lässt, wenn man alles vernünftig abwägt. Im Traum liegen überall Notizzettel bereit, auf denen man sich notiert, was man nach der Ankunft unternehmen will. Auch die Koffer packen sich leichter im Traum. Man kommt nie auf 20kg. Im Tor zum Erwachen steht dann sowieso ein Zöllner, der alles beschlagnahmt: das Gepäck, den Pass und die Notizen. Gute Reise, Dummkopf.

Man kann ihn nicht täuschen oder austricksen. Nicht einmal, indem man im Traum oder im Flugzeug sitzen bleibt und sich schlafend stellt.

Den Taxifahrer frage ich dann nach dem Glück, während er mich irgendwo hinfährt, was er für eine Adresse hält. Was ist letztendlich Glück oder das, wohin wir zurückkehren würden, wenn wir könnten?  Sie verstehen doch Deutsch? Warum reisen wir überhaupt? Es kann ja nicht sein, dass wir Neues entdecken wollen, oder? Läuft eigentlich der Taxameter?

Als ich zwölf Jahre alt war, sagt der Mann ein wenig später und nachdem ich ihn für taub gehalten hatte, während er auf einer langen Geraden langsam beschleunigt, und sucht mich dabei im Rückspiegel, als ich zwölf Jahre alt war, war Glück, wenn ich an einem Sonntag erwachte und das Geräusch von Regen nicht hörte. Noch vor dem Öffnen der Augen wusste ich, dass mein Fussballspiel stattfinden würde. Ob wir dann verloren oder gewannen war weniger wichtig. Schlimm war, wenn das Spiel nicht stattfand. Schlimm für einen Zwölfjährigen, der das unfassbare Glück hatte, in der Schweiz wohlbehütet aufwachsen zu dürfen. Schlimm also im Sinne von überhaupt nicht schlimm.

Nicht schlimm vielleicht , dachte ich, aber dennoch das Gefühl von Abwesenheit von Glück,  wenn er beim Aufwachen das Trommeln der Regentropfen auf den Rollladen hörte. Oder eben gutes, solides Glück, wenn es nicht regnete, wenn der Rollladen stumm blieb.

Als wir an einer Kreuzung wegen eine roten Ampel anhalten müssen, ist unser Taxi plötzlich von Demonstranten umringt, die Plakate und Banner tragen und Parolen schreien. Ein paar der Demonstranten nähern sich bedrohlich dem Taxi und schwingen Fäuste und Stöcke in Richtung des Fahrers. Ich bin im realen Leben kein so mutiger Mensch, aber bitte, wir sind in einem Traum, und so steige ich aus wie im Film und gebiete dem Treiben Einhalt: Lasst den Jungen in Ruhe. Er hat niemandem etwas getan. Schon sein Vater war Taxifahrer. Versteht ihr? Glück ist unfassbar.

Auf dem Heimflug (ich muss mit einem Ersatzpass reisen, weil ich den alten offenbar im Windkanal verloren habe) lösche ich dann die Fotos von meinem iPhone, die ich nicht behalten will. Eigentlich will ich gar keine behalten, aber das System verweigert mir den Zugriff. Löschfunktion momentan nicht verfügbar. Versuchen Sie es später oder downloaden sie jetzt die neue App „Papperlapp-App“, um ihre Fotos in Zukunft gleich bei der Aufnahme zu löschen.

Vielleicht ist das gar nicht der Heimflug, geht es mir durch den Kopf, während ich unter mir kleine Inseln sehe, die vermutlich auf Facebook Freunde des Festlandsockels sind. Und wer weiss, wo ich gerade war. Ich nehme mir vor, nachzuschauen, in welchem Land man mit 12 Taxis fahren darf. Ich bin sicher, es gibt auf dem Netz einen Ländervergleich. Und wenn ich schon auf dem Netz bin: saugkräftiges Notizpapier. Wenn möglich selbst kompostierend. Und ein paar andere Dinge, die mich neulich kurz interessiert haben. Stichworte genügen. Ich brauche keine ganzen Artikel. Das behält keine Sau.

Ein lettischer Winter, unvollendet

18. Februar 2013

Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter: halb so schlimm, wie befürchtet. Was hatte man uns gewarnt vor meterhohen Schneemauern und Verwehungen bis ins Wohnzimmer bei konstanten minus 27 Grad im Schatten eines schwer in Gang zu haltenden Kaminfeuers.

Autofahrer, die sich auf Kreuzungen hinaus tasten, weil links und rechts der Schnee wie eine Hauswand den Blick versperrt, und wer auf einer kleinen Nebenstrasse abbiegen will, muss Gas geben, um es mit Anlauf aus der Fahrrinne zu schaffen.

Es war dann alles, nicht zum ersten Mal in meinem Leben, viel weniger dramatisch. Ab und zu minus 18, einmal minus 20 Grad, und Schnee schon, aber in überschaubaren Mengen. Nicht mehr auf ein Mal, als eine ältere Frau jeden Morgen wegschaufeln kann. Keine zugeschneiten Kreuzungen und beim Autofahren herrschte Sichtkontakt. Viel Matsch, wenig Eis, und das Abbiegen auf einer Nebenstrasse in ein sich automatisch öffnendes Tor klappte problemlos, solange die Fernsteuerung funktionierte.

Die ältere Frau war die letzten Monate das erste Geräusch am Morgen. Wie sie den Schnee wegschiebt. Ramasch, ramasch, ramasch. Ich dachte zuerst, dass geht gar nicht. Dass ich im Morgenmantel Kaffee schlürfe, während sich einen Stock tiefer eine ältere Frau mit dem Schnee abmüht. Und weil sie nur Russisch kann, kann ich mich nicht einmal richtig bedanken. Sie lächelt, wenn ich ihr trotzdem danke und ihr einen schönen Tag wünsche. Ich werde ihn selber schaufeln, den lettischen Schnee, dachte ich im Juli, als ich hier ankam, und mir einen Hexenschuss holen.

Aber als es kälter wurde, erklärte man mir, dass sie das Geld brauche, die ältere Frau, und dass sie Stella heisse und zufrieden sei, diese Arbeit zu haben. Ich kam mir trotzdem seltsam vor und komme es noch. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und irgendetwas stimmt wahrscheinlich mit mir nicht, dass ich sie so lasse. Ich erinnere mich an die Anekdote vom Mann, der irgendwo in Asien ein Klavier auf seinem Buckel trägt und die Leute, denen er auf dem Gehsteig entgegenkommt, weichen ihm aus, anstatt ihm zu helfen.

Ich könnte jetzt nachschauen, wer diese Anekdote wo erzählt hat. Es sei schlimm, woran wir uns gewöhnen, war das Fazit dessen, der sie erzählte. Ich teile diese Meinung, gehe dieser Sache aber nicht mehr nach, sondern aus dem Weg, denn ich sitze bereits wieder zwischen Kartonschachteln und bald werden sie meinen Computer einpacken.

Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter. Irgendjemand erzählt Dir die verrücktesten Sachen, weil er sich interessant machen will. Weil er denkt, wenn er Dir sagt, alles sei dort eigentlich ganz normal, würdest Du ihn für langweilig halten und die Reise für überflüssig. Verstehen Sie, was ich meine? Wahrscheinlich war ich wieder zu langfädig. Zu kleinflockig. Ich wollte eigentlich nur auf Wiedersehen sagen, während es draussen schneit und schneit und schneit. Es hört bestimmt nicht mehr auf.

Fernes Trommeln

13. Dezember 2012

Was machen eigentlich Verteidigungsminister, so den lieben langen Tag? Sie verteidigen das Land. Und wenn gerade keiner angreift, verteidigen sie die Armee. Die Ausrüstung der Armee. Die Idee der Armee. In unserem Fall die Idee der Milizarmee. Ein Durchschnittsbürger, so konterte neulich unser Verteidigungsminister die Kritik an der Monotonie des Militärdienstes, leiste in seinem Leben etwa 10‘000 Arbeitstage. Die seien auch nicht alle spannend. Gedämpftes Gelächter im Saal. Keiner lässt sich gerne dabei ertappen, wie er über einen guten Spruch seines Gegners lacht.

Ich hätte laut gelacht und muss sagen, der Minister hat Recht. Nicht jeder Tag meines bisherigen Berufslebens war spannend. Ich hätte an vielen Tagen ebenso gut irgendwo auf Befehl in einem imaginären Bereitschaftsraum in einem Schützenpanzer sitzen und vor mich hin dösen können, darauf wartend, dass der Feind aus dem Osten endlich angreift, um mein Warten, meine Bereitschaft, meinen Schützenpanzer und die Armee zu rechtfertigen.

Aber wahrscheinlich wäre sogar dann nichts passiert, wenn ich Berufsmilitär geworden und die ganze Zeit nur den Ernstfall simuliert, beübt und erwartet hätte. Mir ist völlig klar: eine Armee ist wie ein nationaler Regenschirm. Man hat sie dabei, damit es keinen Krieg gibt. Und zwar am besten Hyundai, mit allem erdenkbaren Zubehör. Das darf dann ab und zu auch ein Bisschen monoton sein. Regen ist auch monoton. Schirme sind monoton. Alles ist monoton, wenn man es lange genug machen muss. Ewiges Warten ist wahrscheinlich vergleichsweise spannend, weil einem das, was nie kommt, nie langweilig vorkommen kann.   

Auch die Kritik an den hohen Kosten wehrte unser Verteidigungsminister locker ab. Sie perlte an ihm ab wie ein Regentropfen an einem gebohnerten Stiefel. Unsere Armee koste, rechnete er den Nörglern nüchtern vor, weniger als was Herr und Frau Schweizer für ihre Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgebe. Einer der Journalisten wies darauf hin, er sei mit dem Fahrrad gekommen. Die anderen tippten etwas in ihr iPad (auf dem Heimweg Hustensirup kaufen).

Ich weiss nicht, was wir Schweizer insgesamt für unsere Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgeben. Es gilt hingegen als gesicherte Erkenntnis, dass wir überversichert sind. Kann man daraus nun den Schluss ziehen, dass wir auch überverteidigt sind? Oder lag es womöglich an mir, dass nicht alle meine bisherigen Arbeitstage spannend waren? Kann ich es für die Tage, die mir noch bleiben, ändern?

Juan Ramón Jiménez hat in einem seiner Gedichte dazu geraten, man solle jedem Tag ein Geheimnis abringen, klein oder gross. Vielleicht war ich oft zu träge, um den Tagen ihre Geheimnisse abzuringen. Sie drängen sie uns ja nicht auf. Sie werfen sie uns nicht nach. Sie verstecken sie aber auch nicht alle gut. Kleine Geheimnisse legen sie wie zufällig aus, irgendwo in den Stunden, zwischen den Minuten, damit wir sie mit ein wenig Neugier und Aufmerksamkeit entdecken können. Grössere Geheimnisse kann man ihnen abringen wie einem lieben Hund, der so tut, als wolle er seinen Stock nicht hergeben. Jetzt gib endlich her, Du Tag. Gib aus!

Oft lassen wir die Geheimnisse am Wegrand liegen, weil wir tüchtig unterwegs sind durch den Tag, uns dabei aber ebenso oft tüchtig täuschen, indem wir meinen, irgendwo erwartet zu werden, wo es ohne uns nicht weitergeht. Anstatt Neues zu entdecken, fallen wir schon wieder unseren alten Irrtümern anheim, und wenn es dunkelt, sammelt der teilnahmslose Tag seine unentdeckten Geheimnisse wieder ein und verschwindet mit ihnen um die ewige Ecke der Zeit.

Nur manchmal, wenn wir wach genug sind, aufmerksam genug, sorgfältig genug, oder einfach Glück haben und über eines der Geheimnisse stolpern wie ein Kind über ein Osterei, dann bleibt es bei uns, und wir finden es wieder und wieder.

Heute lese ich zum Beispiel die Konzertkritik eines Auftritts von Stephan Eicher im Zürcher Volkshaus. Die Musiker seien, schreibt der Kritiker, nach dem letzten Lied („Disparaître“) einzeln verschwunden, indem sie den Saal durch das begeisterte Publikum verlassen und dabei wie eine Guggenmusik weitergespielt hätten. Das katapultiert mich unmittelbar ein Vierteljahrhundert zurück und ich gehe mit meinem Vater nach einem gemeinsamen Nachtessen durch das Zürcher Niederdorf, die Hände in den Taschen. Es ist Februar und beinkalt. Fastnachtszeit. Ein einsamer Trommler steht vor dem Malatesta und beginnt, als wir auf der Höhe des Lokals sind, zu trommeln. Mein Vater und ich bleiben stehen und hören ihm zu. Nach einer Weile kommt ein Musiker aus dem Lokal und gesellt sich zu ihm. Dann noch einer. Und noch einer. Er trommelt einen nach dem anderen heraus, bis seine ganze Gugge um ihn versammelt ist. Dann ziehen sie musizierend weiter.
 

 

Für dumm verschenkt

4. Dezember 2012

Heute schien die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sieht hier gleich alles ganz anders aus. Wunderbar nämlich. Die Luft ist klar, wenn auch kaum rein, es ist kalt und eben: hell. Man  kann an solchen Tagen nicht nur alles glasklar sehen, sondern mit von der Kälte gewecktem Verstand auch das Meiste verstehen. Jedenfalls meint man das. Ein prächtiger Tag.

Nur scheint sie eben hier nicht sehr oft, die Sonne. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. Gestern war alles dunkel und bedeckt, wie oft hier, sagte mir ein Einheimischer, und ich fügte dem hinzu, als ich später etwas ratlos in den düsteren Park vor meinem Bürofenster blickte: Walter, Walter – nimm Dich in Acht vor Dir. Du treibst wieder einmal gefährlich gegen das Jahresende zu. Denke daran: Die Zeit ist eine flache Scheibe, und der 31. Dezember vermutlich ein steil abfallendes Kliff, von dem man in die Fluten des Vergessens stürzt. Vielleicht ist das aber auch ein dummer Aberglaube und der letzte Tag des Jahres ist in Wirklichkeit eine Schallplattenrille mit einem Hick drin, wodurch die Nadel zurück auf den 1. Januar springt und alles beginnt wieder von vorne. Wollen wir wetten?

Jedenfalls ist der geschäftige Oktober vorüber, und auch der November, der sich wie eine lästige Tante jedes Jahr zwischen ihn und die Festtage zwängt, ist gottseidank wieder abgereist. Der Dezember ist mit seinen belanglosen Terminen nicht mehr sehr ernst gemeint. Allenthalben heidnische Lichterfester und Weihnachtsempfänge und das Ganze garniert mit ein wenig Sehnsucht im Feuilleton. Das Fernweh im Bodennebel produziert Reisebeilagen im Vierfarbendruck. Nicht, dass auf der Welt nichts Ernsthaftes oder Scheussliches mehr geschieht, keine Sorge. Immer mehr Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte. Vorrückende Rebellenarmeen, die sich entweder festsetzen, im Kreise der Zivilbevölkerung bombardiert werden oder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Staat möchte dem Vernehmen nach gerne einen andern in die Steinzeit zurückbomben. Ein anderer Staat lässt selbstgebastelte Raketen steigen wie ein kleiner, trotziger Junge. Regierungen in für Handelsbeziehungen und Investitionen vorläufig salonfähigen Staaten foltern im Hinterzimmer der Verhandlungen in aller Ruhe weiter und unsere Anleger legen weiterhin fleissig an, während Ohnmacht International einen weiteren Bericht vorlegt, der auf dem Schreibtisch der Decision Makers von sinnlosen Neujahrskarten mit eingescannter Unterschrift zugedeckt werden wird.

Menschen, die nicht über Anlagevermögen verfügen, werden derweil noch ärmer (wir hätten nicht gedacht, dass das noch geht), unsicherer und krank. Alles psychosomatisch und sowieso eingebildet. Fabrikhallen stehen leer. In anderen Ländern sind sie mit Kindern gefüllt, aber das wussten wir nicht. Rohstoffhändler brauchen im Vergleich nur ein ganz kleines Büro mit Laptop. Die Daten up in the cloud, gegen Abstürze versichert. Aber niemand in dieser Seilschaft ist wirklich in Sicherheit. Geschmeidige Finanzhaie in Massanzügen ruinieren als unfreiwillige Rächer Legionen von Anlegern und tauchen dann elegant zwischen ahnungslosen Verwaltungsräten ab, die ernüchtert auf einen Teil ihres Honorars verzichten. Das tröstet dann auch niemanden richtig. Das Sprichwort sagt es schön: Springt ein Reicher von der Brücke, gereicht‘s dem Penner nicht zum Glücke. 

Was tun? Am besten schaut man sich am Abend alte Filme an. Zwei Menschen, die einander versprechen, dahin, wo sie sich im Augenblick gerade befinden, nie wieder zurückzukehren, weil es nie wieder so schön werden kann, wie es gerade ist. Oder ein biederes Paar in den 50er Jahren, das sich grundlos betrügt und erst recht liebt. Das ganze schwarz-weiss und trotzdem mir nicht ganz klar. Dazwischen ein umgekippter Bus, der wie ein Fetzen aus einer Nachrichtensendung auftaucht (hat jemand umgeschaltet?) und überhaupt keinen Sinn macht, auch auf Japanisch nicht.

Und was schenken wir einander diesmal zu Weihnachten? Noch mehr Bücher? Weil wir ohnehin schon zu viele davon haben und es auf ein paar Titel mehr, die wir nie lesen werden, nicht mehr ankommt? Bücher fallen zwar beim Umzug ins Gewicht, aber sie wiegen zwischen den Umzügen nicht schwer. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, habe ich zweimal gelesen, ohne mein Leben zu ändern.

Natürlich versuchen wir, für jede Person passende Bücher auszuwählen. Auch das, was wir liegen lassen, sollte zu uns passen. Einem guten Freund hätte ich zum Beispiel gerne „Goethes gesammelte Tippfehler“ geschenkt, aber das Buch existiert nicht einmal vergriffen. Stunden im Antiquariat vergeblich mit meiner Stauballergie gerungen. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sich Goethe nie vertippt hat. Der konnte das gar nicht. Das weiss ich, ohne ihn gelesen zu haben. Weil er schon ein paar Jahre tot war, als der erste Text auf einer Maschine aus Holz getippt und bald darauf der Tippfehler erfunden wurde.

Ich nehme an, sogar der grosse Goethe hat sich ab und zu verschrieben oder versprochen, aber vertippen lag schlicht nicht drin, womit ihm auch das oft vergnügliche und inspirierende Lesen von Tippfehlern anderer vergönnt blieb. Johann Wolfgang von Goethe was a German writer, artist, and politician, who never committed a typo.

Tut mir leid, Johann Wolfganz, da hast Du eine wunderbare Dimension verpasst. Und das sage ich nicht nur so leicht dahin. Das ist eine Tastsache. Aber lassen wir das. Ist heute eigentlich kein Thema mehr. Alles korrekt hier. Jedes Textprogramm kann das korrigieren. Vieles ist heute kein Problem mehr, bei den uns zur Verfügung gestellten unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn ich zum Beispiel vor der Erfindung des Internets in der NZZ gelesen hätte, Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos) habe per Motion gefordert, die Sitzzuteilung bei den Nationalratswahlen nach dem doppelten Pukelsheim vorzunehmen, hätte ich annehmen müssen, ich, Walter Haffner (Riga, clueless), sei ungebildet oder man wolle mich für dumm verkaufen.

Heute google ich das und treffe sofort auf Friedrich Pukelsheim, einen Mathematiker, den ich nachher wieder vergessen darf. Google ist fantastisch. Und völlig umsonst. Man kann sich mit dem Geld, das man früher für ein Konversationslexikon in 24 Bänden ausgegeben hätte, ein schön furniertes Büchergestell bequem nachhause liefern lassen. Zuhause angekommen ohne am unterwegs veralteten Lexikon schwer getragen zu haben, merkt man dann, dass man das Büchergestell auch nicht mehr braucht. Wirklich, wir leben in wunderbaren Zeiten. The world wide web. The information cloud. Die ganzen schönen Daten über und für uns. Das Misstrauen gegenüber den Systemen schenken wir uns. Weihnachten hin oder her. Uns führt so leicht keiner mehr hinter das Licht. Dafür sind wir zu gut informiert. Heute muss sich keiner mehr für dumm verkaufen lassen. Und schon gar nicht umsonst.